Londoner Bezirk schützt Lederbar vor Immobilien-Spekulanten

Das Backstreet ist wichtiger als ein Turm mit Wohnungen, sagt der Bezirk Towers Hamlets

Backstreet
Matt Spike/Backstreet

Das Backstreet ist mehr als eine Lederbar: Die Bar in London rühmt sich, den striktesten Dresscode in Europa zu haben, und sie ist in der Stadt die letzte ihrer Art. Rein dürfen nur Männer in Leder und Rubber – ohne Ausnahme. Und nun ist die Bar auch ein Symbol gegen die Gentrifizierung der britischen Hauptstadt: Denn um die Bar zu erhalten, hat die verantwortliche Bezirksversammlung die Planung an einem zwölf Stockwerke hohen Luxushochhaus im East End gestoppt. Das berichtet der Guardian in seiner Online-Ausgabe.

Die Interessen der LGBT-Community haben Vorrang, macht das Bezirksparlament klar

Der Bau des Hochhauses würde “die langfristige Entwicklung eines Nachtlokals, das der LGBT+-Community dient” behindern, heißt es in der Entscheidung des Stadtbezirks Tower Hamlets. Für Bezirksvorsteherin Rachel Blake ist die 34 Jahre alte Bar “ein wichtiger Teil der Community”, für den es sich lohne “die Extra-Meile zu gehen, um sichere Orte für unsere vielfältige Community zu bewahren”.

“Es ist der letzte echte schwule Fetisch-Club, und Diversity ist uns wichtig”, erklärt Blake weiter: “Diese Art von Lokalen ist wichtig für uns, wichtig für Towers Hamlets, und für ganz London.” Während der sechs Jahre dauernden Planungen haben unzählige Stammgäste des Backstreet den Verantwortlichen erklärt, warum dieser Ort für sie so wichtig ist.

Viele Gäste des Backstreet haben für den Erhalt des Lokals gekämpft – weil es ihnen eine Heimat bietet

“Als ich die Fetisch-Szene entdeckt habe, als ich mit 18 zum ersten Mal ins Backstreet gegangen bin, hat mit das das Leben gerettet”, erinnert sich einer der Stammgäste: “Es hat mir eine Gemeinschaft gegeben, in der ich mich willkommen gefühlt habe, und mich aufgenommen. Es hat mich dazu gebracht, nicht mehr zu glauben, dass ich seltsam war oder ein Außenseiter, gab mir Selbstvertrauen und einige unglaubliche Freunde und Mentoren.”

Dabei hat der Immobilienentwickler bereits weitreichende Zugeständnisse gemacht: Dem Backstreet wurde im Keller des Wohnturmes eine neue Location versprochen, inklusive 22.500 Pfund für die Räumung des alten Clubs und Lagerung der SAmmlung an Fetischutensilien, über die der Club verfügt.

Die Vorschläge der Baufirma, im Keller ein neues Backstreet zu bauen, haben den Bezirk nicht überzeugt

Doch das überzeugte Blake nicht. Eine Fetisch-Location im Keller eines Wohngebäudes wäre wohl das Ende des Backstreets gewesen. “Meine Inbox ist voll mit Lärmbeschwerden”, erklärt sie: “Die Wahrheit ist: Der Lärm hätte dazu geführt, dass es schließen muss.”

Die zuständige Baubeamte führte in ihrem ablehnenden Bescheid außerdem aus, dass sie nicht überzeugt sei, dass ein solcher Club von den Bewohnern des neuen Turms, Eltern mit jungen Kindern, akzeptiert werden würde. Die Zukunft des Clubs sei deshalb nicht gesichert.

Das Backstreet sei aber wichtiger als eine durchschnittliche Schwulenbar, weil es “eine spezielle Nische der Community” bediene, so Blake. Deshalb kam es nun zu dieser weitreichenden Entscheidung – die auch noch andere Hintergründe hat.

Tower Hamlets hat in den letzten zehn Jahren fast drei Viertel seiner LGBT-Orte verloren

Die Bezirksvorsteherin erklärt, dass London in den letzten Jahren ein dramatisches Sterben von Szene-Locations erlebt hat. Auch Tower Hamlets “hat es schlimm getroffen, wir haben 73 Prozent der LGBT-Orte seit 2006 verloren”, so die Politikerin. In elf Londoner Bezirken gibt es überhaupt keine LGBT-Bar mehr, wie das University College London herausgefunden hat.

Es ist das zweite Mal, dass der Bezirk die Bedürfnisse der queeren Community in die Planungen miteinbezieht: Im Jahr 2017 hat die Bezirksversammlung beschlossen, dass ein Neubau an Stelle einer bekannten Schwulenbar nur dann durchgeführt werden darf, wenn an der gleichen Stelle eine ähnlich große LGBT-Bar gebaut wird.

Der Einsatz für das Backstreet ist auch ein deutliches Zeichen gegen Hassverbrechen

Mit seinem Einsatz für Szenelokale will Tower Hamlets auch Hassverbrechen vorbeugen. “Wenn Hassverbrechen ansteigen, müssen wir für die Betroffenen in all ihren Formen aufstehen, und es ist wichtig, dass Menschen sich in einem sicheren Umfeld wohlfühlen können, ohne von außen beurteilt zu werden”, erklärt Rachel Blake die Position des Bezirks.

In der Londoner Fetisch-Community ist man von der Entscheidung des Bezirks begeistert. “Es ist einfach unglaublich, dass vor zwanzig Jahren ein Beamter des Bezirks sich für den Erhalt eines Lederclubs einsetzen würde”, erklärt Nigel Whitfield, Stammgast des Backstreet und Vorsitzender des Breeches and Leather Uniform Fanclubs.