Immer mehr Gewaltverbrechen gegen LGBT in Deutschland

In den ersten sechs Monaten dieses Jahres gab es mehr Straftaten als im gesamten Jahr 2015

Blaulicht
Symbolbild - Archiv

Die Zahl der Gewaltstraftaten gegen sexuelle und geschlechtliche Minderheiten hat sich in Deutschland seit 2013 mehr als verdoppelt. Das geht aus einer Kleinen Anfrage hervor, die Bundestagsabgeordnete Doris Achelwilm von der Linken der Bundesregierung gestellt hat.

Wie das Online-Medium BuzzFeed als erstes berichtete, wurden im ersten Halbjahr 2019 insgesamt 245 homo-, trans- und interfeindliche Straftaten registriert. Im gesamten Vorjahr waren es 351, im Jahr 2014 lag diese Zahl bei 184.  Einen wesentlichen Anteil nehmen dabei Körperverletzungen und Volksverhetzungen ein.

Dieses Jahr dürfte es deutlich mehr Straftaten gegen sexuelle und geschlechtliche Minderheiten geben als im Vorjahr

Deutlich angestiegen ist die Zahl der Gewaltstraftaten, dazu zählen etwa Körperverletzung, Raub, Erpressung oder Sexualdelikte. Während es letztes Jahr insgesamt 94 Gewaltdelikte gegen sexuelle oder geschlechtliche Minderheiten gab, liegt diese Zahl in den ersten sechs Monaten dieses Jahres bereits bei 57 Delikten. Das sind mehr als im gesamten Jahr 2015, wo es 54 Gewaltdelikte gegen LGBT gab.

Die Zunahme von Gewalt komme nicht von ungefähr: „Sie resultiert wesentlich aus einem gesellschaftlichen Klima, das Minderheiten in neuer Qualität unter Druck setzt und bedroht“, so Achelwilm. Die Bundesregierung müsse diese Situation „sehr ernst nehmen und das Thema auf die nächste Tagesordnung der Innenministerkonferenz setzen“, fordert sie. Auch sollen die mit Hasskriminalität befassten Stellen der Polizeibehörden gestärkt werden  und mehr Mittel für Opferschutz, Gewaltprävention und Sensibilisierung zur Verfügung stellen.

Eine ähnlich gelagerte Anfrage der Grünen an die Bundesregierung hatte kürzlich ergeben, dass es im laufenden Jahr auch bei Sachbeschädigungen von Orten oder Gedenkstätten der LGBT-Community einen deutlichen Anstieg gibt.

Die Dunkelziffer der nicht gemeldeten Verbrechen dürfte noch viel höher sein

Helmut Metzner, Sprecher des deutschen Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD), betonte,  dass die in der Statistik aufgeführten Fälle wegen unzureichender Erfassungsmethoden nur einen Bruchteil der realen Hasskriminalität wiedergeben würden.

So gibt es in den einzelnen Bundesländern keine einheitlichen Standards für die Registrierung von Hassverbrechen gegen geschlechtliche oder sexuelle Minderheiten. „Es müssen endlich effektive Maßnahmen für Prävention, Erfassung und Strafverfolgung auf den Weg gebracht werden. Opferhilfe-Einrichtungen müssen ausreichend unterstützt werden“, fordert Metzner.

Das Problem mit den Zählweisen zeigen beispielsweise aktuelle Zahlen aus Berlin: So hat das Anti-Gewalt-Projekt Maneo im Jahr 2018 in Berlin insgesamt 382 Übergriffe auf Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen gezählt. Bei der Berliner Polizei gab es allerdings nur 225 Anzeigen.

„Es gibt Trans-Personen, die müssten jeden Tag eigentlich drei Fälle melden.“

Das lässt sich nicht nur durch unterschiedliche Zählweisen erklären. So weiß Bastian Finke, der Leiter von Maneo, dass viele Meldungen, die bei ihm eingehen, nicht als Anzeige bei der Polizei eingehen. Und: „Es gibt Trans-Personen, die uns erzählen, sie müssten jeden Tag eigentlich drei Fälle melden.“