Kinder fragen einen Schwulen: Russland ermittelt wegen „sexueller Gewalt“

Die dramatischen Auswirkungen der Gesetze gegen "Homo-Propaganda"

Russische Flagge
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Wegen der Veröffentlichung von YouTube-Videos, in denen sich Kinder unter anderem mit einem schwulen Mann unterhalten hatten, ermittelt nun die russische Polizei – wegen des international umstrittenen Gesetzes gegen „Homo-Propaganda“.

„Gespräche über verschiedene Themen verdorbener Natur“

Sie würden dem Vorwurf der „sexuellen Gewalt“ gegenüber Kindern unter 14 Jahren nachgehen, so die Ermittler am Samstag. Die Aufnahmen zeigten „Minderjährige und Kinder, die über unterschiedliche sexuelle Angelegenheiten mit Erwachsenen“ sprechen. Und das reicht in Russland schon für polizeiliche Ermittlungen. Denn über „nicht-traditionelle Lebensformen“ darf mit Minderjährigen nicht positiv gesprochen werden. Bei einer Verurteilung wegen „sexueller Gewalt“ drohen den Machern der Videos bis zu 20 Jahre Haft.

Ein Verantwortlicher für die Videos soll bereits vernommen worden sein. Der Vorwurf: „Organisation und Durchführung von Interviews zwischen den oben genannten Opfern sowie Menschen mit nichttraditioneller sexueller Orientierung, bei denen sie Gespräche über verschiedene Themen verdorbener Natur führten, um sexuelle Erregung bei den Opfern zu bewirken und ihr Interesse an sexuellen Beziehungen zu wecken.“

Die Eltern der Kinder hatten mit den Videos kein Problem – nun könnten sie ihr Sorgerecht verlieren

Derzeit sucht die Polizei nach den betroffenen Kindern und Jugendlichen. Die Menschenrechtlerin Valentina Dekhtyarenko von der Organisation Pravozashchity Otkrytki betont, weder die betroffenen Kinder noch die Eltern hätten sich über die Sendungen beschwert. Allerdings soll auf eine Mutter durch die Polizei Druck ausgeübt worden sein, sie könne ihr Sorgerecht verlieren.

Auf den Videos des YouTube-Kanals „Real Talk“ unterhalten sich Kinder unter 14 Jahren mit verschiedenen Personen – etwa einer Frau mit Magersucht, Transgender-Personen, einer ehemaligen Pornodarstellerin oder einer kleinwüchsigen Frau.

Für den Vize-Parlamentspräsidenten sind die Videos „ethisch inakzeptabel und unmoralisch“

Die Videos wurden bereits im Dezember 2018 auf YouTube hochgeladen. Eines der Videos soll mehr als zwei Millionen Mal angeklickt worden sein. Mittlerweile wurden die Videos gelöscht. Wie der Vizepräsident des russischen Parlaments, Pjotr Tolstoi, sagte, habe er das Innenministerium im September über die Existenz der „ethisch inakzeptablen und unmoralischen“ Videos informiert. Im Oktober verkündete er, das Ministerium habe eine Untersuchung wegen eines möglichen Verstoßes gegen ein Gesetz gegen „Homo-Propaganda“ eingeleitet, das 2013 in Kraft getreten ist.

Homosexualität war in Russland bis 1993 verboten, bis 1999 stand gleichgeschlechtliche Liebe auf der Liste der Geisteskrankheiten. Noch heute ist sie gesellschaftlich geächtet, oft wird sie von Russen als aus dem Westen importierte Perversion gesehen.