Stuttgart: Alt eingesessene Lederbar nun eine „Gefahr für die Sittlichkeit“

Nach strengen behördlichen Auflagen droht dem "Eagle" nach 30 Jahren die Schließung

Gay Bar
R. Canine/Flickr - CC BY-NC 2.0

Seit mehr als 30 Jahren gibt es in Stuttgart das „Eagle“, eine klassische Lederbar mit Darkroom. Doch nach einem Betreiberwechsel wurden die Auflagen verschärft – die Schließung drohte. Jetzt macht die Stadt einen Rückzieher.

Erst zwei Tage vor dem Betreiberwechsel wurden der Bescheid zugestellt

Seit dem Jahreswechsel hat das „Eagle“ im Lehenviertel neue Besitzer. Die Stadt Stuttgart hat den Betreiberwechsel zwar nach monatelanger Prüfung genehmigt, aber jede Menge Auflagen erteilt, die den neuen Wirten das Leben schwer machen.

So habe ihnen die Stadt unter anderem verboten, im Lokal Musik abzuspielen oder den Darkroom zu betreiben, so die Betreiber auf Facebook. Auch dürften sich „teilweise entkleidete Personen“ nicht mehr in den Räumlichkeiten aufhalten. Die Gäste des Lokals seien sogar „eine potentielle Gefahr für die Sittlichkeit und eine mögliche Belästigung der Nachbarschaft“, ist in dem Bescheid sogar zu lesen: Der Betrieb eines Szenelokals widerspreche daher dem öffentlichen Interesse.

Dass die Nachbarn seit 30 Jahren kein Problem mit dem Lokal haben, ignoriert der Bescheid. Zugestellt wurde er am 30. Dezember – zwei Tage vor dem Betreiberwechsel. Deshalb sei eine Anhörung nicht mehr möglich gewesen, so das neue „Eagle“-Team. Es habe alleine über drei Monate gedauert, bis dem Anwalt des neuen Betreibers Akteneinsicht erteilt wurde. Mit den neuen Auflagen sei ein Betrieb des Lokals nicht mehr möglich, fürchten sie.

Nicht nur die Stuttgarter Szene kämpft um das beliebte und traditionsreiche Lokal

Für die neuen Besitzer des alt eingesessenen Lokals sind die Auflagen und das Ende des Darkrooms überhaupt unverständlich: Denn diesen gibt es seit der Eröffnung des „Eagle“ im Mai 1989, und er war nie ein Problem. Seit vielen Jahren wurde für den dunklen Bereich des Lokals sogar Vergnügungssteuer bezahlt, wie die Stuttgarter Nachrichten berichten.

Schnell formierte sich Widerstand in der Szene: In Sozialen Medien ist von einem „Schlag gegen die Stuttgarter Schwulenszene“ die Rede. Ausgerechnet eine Stadt mit einem grünem Oberbürgermeister entziehe Männern, die einer „zunehmenden Intoleranz und Gewalt gegen Homosexuelle“ ausgesetzt seien, deren Schutzraum.

Die Stadt Stuttgart will den Sachverhalt noch einmal prüfen

Die Stadt Stuttgart hat schnell auf die Kritik reagiert: „Bereits am Dienstag nach dem Feiertag werden wir intern den Sachverhalt prüfen und mit den Betreibern schnellstmöglich nach einer Lösung suchen“, so Stadt-Sprecher Andreas Scharf zu den Stuttgarter Nachrichten. Zu den befremdlichen und homophoben Bemerkungen im Bescheid wollte er sich nicht äußern.

Auch Oberbürgermeister Fritz Kuhn äußerte sich mittlerweile zur Sache. „Wir werden nach dem Feiertag bei uns (Dreikönig) am Dienstag sofort intern den Sachverhalt prüfen und dann mit den Betreibern schnellstmöglich nach einer Lösung suchen“, ließ er über Twitter wissen.