Start-Up mit Berlusconi-Kindern bietet 260 Millionen Dollar für Grindr

Die beliebte Dating-App könnte schon bald in italienische Hände wandern

Grindr
Symbolbild - Montage: GGG.at

Bis Juni dieses Jahres muss sich der chinesische Gaming-Konzern Beijing Kunlun Tech von der beliebten schwulen Dating-App Grindr getrennt haben: Dazu wird die Firma von US-Behörden gedrängt, offiziell wegen Datenschutzbedenken. Favorit unter den möglichen Käufern ist ausgerechnet eine Firma, an der drei Kinder des konservativen italienischen Medienmoguls und Ex-Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi beteiligt sind.

Scharfe Kritik an den chinesischen Eigentümern der beliebten Dating-App

Beijing Kunlun Tech hatte Grindr 2016 und 2018 in zwei Tranchen 2016 und 2018 für insgesamt rund 245 Millionen US-Dollar erworben, doch so ganz funktionierte das Match nicht. So haben US-Behörden allen Funktionsträgern empfohlen, die App nicht zu nutzen, weil die teils sensiblen Daten direkt zum chinesischen Geheimdienst abfließen könnten. Dann setzte sich der (heterosexuelle) Geschäftsführer in die Nesseln, weil er ein Problem mit der Ehe-Öffnung für gleichgeschlechtliche Paare hatte.

Und schließlich deckte der österreichische Datenschützer Max Schrems kürzlich gemeinsam mit der zuständigen Norwegischen Behörde auf, dass Grindr teils sensble Daten über seine fast 27 Millionen User im Hintergrund an hunderte Werbenetzwerke weiterleitete. Eine Verurteilung durch die europäische Datenschutzbehörde wegen eines Verstoßes gegen die DSGVO könnte Grindr bis zu drei Prozent des weltweiten Umsatzes kosten.

Mailänder App-Firma gilt als heißester Kandidat für die Grindr-Übernahme

Nun sucht Beijing Kunlun Tech einen neuen Käufer für die Dating-App. Einer der aussichtsreichsten Kandidaten dafür ist das Mailänder Start-Up Bending Spoons. Die Firma hat etwa 80 Special-Interest-Apps in ihrem Programm, von der Fitness-App über den Schrittzähler oder zahlreiche Games bis zum Programm für den Videoschnitt. Grindr ist ihnen angeblich 260 Millionen US-Dollar wert – und damit etwas mehr, als die jetzigen Eigentümer dafür ausgegeben haben.

Interessant ist bei Bending Spoons vor allem die Besitzerstruktur: Dazu gehören die Investmentbank StarTip, die Holdinggesellschaft H14 von Silvio Berlusconis Kindern Luigi, Barbara und Eleonora und der italo-asiatische Investmentfonds Nuo Capital.

Berlusconi senior ist nicht gerade als Schwulenfreund bekannt

Damit dürfte Berlusconis Nachwuchs nicht die gleichen Einstellungen wie der Vater geerbt haben: Berlusconi senior sagte 2010 bei der Eröffnung einer Zweiradmesse, es sei „besser, von schönen Mädchen begeistert zu sein, als schwul“. Im Jahr darauf hat er klargestellt, dass er Ehe oder Adoption nie für gleichgeschlechtliche Paare öffnen werde, um ein Jahr später klarzustellen, dass er Schwule eigentlich mag – denn je mehr um ihn herum seien, umso weniger Konkurrenz habe er bei den Frauen.

Im Jahr 2014 änderte diese Einstellung kurzfristig, nachdem seine 49 Jahre jüngere Freundin der italienischen Lesben- und Schwulenorganisation Arcigay beigetreten war. „Bürgerrechte für Homosexuelle sind ein Kampf, für den sich in einem wahrhaft modernen und demokratischen Land jeder verantwortlich fühlen sollte“, zitiert die linksliberale Tageszeitung La Repubblica damals Berlusconi. Ob seine Kinder, die nun bei Grindr investieren, auch so denken, ist nicht bekannt. Vielleicht weicht aber auch nur Geld die eigenen moralischen Prinzipien auf – so wie beim Vater die jüngere Freundin.

Großbanken pumpen mehr als hundert Millionen Dollar in den Deal

Unterstützt wird die Übernahme von Grindr durch das Mailänder Tech-Unternehmen von einigen wichtigen italienischen Bankengruppen. Die zweitgrößte italienische Bank Intesa Sanpaolo und das drittgrößte Finanzinstitut Banco BPM sollen sich mit mehr als 100 Millionen Euro an dem Kauf beteiligen, die Bank Illimity, die von Corrado Passera, dem ehemaligen parteilosen Minister für wirtschaftliche Entwicklung, gegründet wurde, und die Investmentbank IFIS mit 35 Millionen.

Damit zeigt sich einmal mehr: Mit der Community lässt sich jede Menge Geld verdienen – doch das bleibt nicht in der Community, sondern wandert mittlerweile zu Tech-Konzernen und Großbanken. Jene, die durch ihren Kampf den Erfolg solcher Apps erst möglich gemacht haben, schauen einmal mehr durch die Finger.