Nach homophober Predigt: Erdoğan unterstützt obersten Islamgelehrten

Homosexualität "verursacht Krankheiten und lässt Generationen verrotten"

Istanbul
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Für eine homophobe Predigt zum Beginn des Fastenmonats Ramadan muss Ali Erbaş, Leiter der staatlichen Religionsbehörde Diyanet, in der Türkei derzeit heftige Kritik einstecken. Doch einer steht unerschütterlich auf seiner Seite: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan verteidigt den hochrangigen Islamvertreter demonstrativ. Und die Justiz geht gegen die Kritiker vor.

Der Islam verurteile Homosexualität, weil sie zu Krankheiten wie Aids führe

Erbaş hatte gesagt, der Islam verurteile Homosexualität, da sie zu Krankheiten wie Aids führe. Wörtlich sagte der 59-Jährige in seiner Predigt zu Beginn des Fastenmonats Ramadan am Freitag: „Der Islam kategorisiert Ehebruch als eine der größten Sünden. Der Islam verflucht Homosexualität“, und suggerierte, dass Homosexualität „Krankheiten verursacht und die Generation verrotten lässt“. 

„Hunderttausende Menschen pro Jahr sind vom HI-Virus gefährdet, das durch diese große Illegalität verursacht wird“, so der Islamgelehrte weiter. „Lasst uns gemeinsam kämpfen, um die Menschen vor solch einem Übel zu schützen“, zitiert die türkische Tageszeitung Hürryiet Erbaş.

Für eine Abgeordnete der Linken sind die Aussagen von Erbaş ein „Hassverbrechen“

Türkische LGBTI-Gruppen, Menschenrechts-Aktivisten und Politiker der sozialdemokratischen CHP sowie der prokurdisch-linken HDP warfen dem Leiter der staatlichen Religionsbehörde daraufhin Volksverhetzung vor. HDP-Abgeordnete Filiz Kerestecioğlu bezeichnete Erbaş’ Äußerungen sogar als „Hassverbrechen“. Besonders skandalös empfanden viele den Bezug zwischen Corona und Homosexualität, den der 59-Jährige indirekt hergestellt hatte.

Der Anwaltsverband von Ankara warf Erbaş öffentlich vor, zum Hass gegen Homosexuelle anzustacheln. Wenn er – auch wegen seiner Frauenfeindlichkeit – im Amt bleibe, „sollte es niemanden überraschen, wenn er in seiner nächsten Rede die Menschen einlädt, Frauen auf den Plätzen mit Fackeln in den Händen zu verbrennen.“

Nach Kritik des Anwaltsverbands ermittelt nun die Generalstaatsanwaltschaft – gegen den Verband

Diese Äußerungen führten dazu, dass die Generalstaatsanwaltschaft der türkischen Hauptstadt nun gegen den Anwaltsverband ermittelt – nach einer Beschwerde von Diyanet wegen „Beleidigung religiöser Werte“.

Unterstützung bekommt Erbaş unterdessen von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan und seiner Entourage. Der türkische Präsident betonte, was der Leiter der Religionsbehörde gesagt habe, sei „absolut richtig“. Zu den Vorwürfen der Anwaltskammer sagte er: „Das ist kein Thema, das in die Kompetenz der Anwaltskammer fällt. Jeder soll seinen Platz kennen, jeder soll seine Grenzen kennen. Ein Angriff auf den Präsidenten der Religionsbehörde ist ein Angriff auf den Staat.“

Erdoğan und seine Entourage halten Erbaş die Stange

„Ali Erbaş, der Gottes Anweisung ausgedrückt hat, ist nicht allein“, twitterte Erdoğans Sprecher, der Theologe İbrahim Kalın. Fahrettin Altun, Kommunikationsdirektor des Präsidialamtes, schrieb ebenfalls auf Twitter: „Die Normen des Islam sind keine, die nach Gutdünken derer, die Ali Erbas respektlos angreifen, infrage gestellt werden können.“ Und Parlamentspräsident Mustafa Şentop meinte, die „Angriffe“ auf den Chef der Religionsbehörde würden in Wahrheit dem Islam gelten.

Es ist nicht das erste Mal, dass Erbaş durch homophobe Äußerungen auffällt. Wie das Online-Portal queer.de recherchiert hat, bezeichnete er letztes Jahr Pride-Veranstaltungen als „Ketzerei“ und erklärte, es sei „die Pflicht von uns allen, (…) Kinder und junge Menschen vor solch abartigen Konzepten zu schützen“.

In den letzten Jahren wurde die Religionsbehörde immer mächtiger

Die staatliche Religionsbehöde Diyanet betreibt in der Türkei Moscheen und ernennt Imame. Während der fast zwei Jahrzehnte dauernden Regierung der konservativ-religiösen AKP ist die Behörde zu einer der einflussreichsten Institutionen der Türkei geworden. Knapp 130.000 Menschen arbeiten für sie, darunter auch jene Imame, die in Deutschland in den Moscheen der Ditib, in Österreich in den Moscheen der Atib tätig sind und an die Weisungen der Behörde gebunden sind.

Homosexualität ist in der Türkei zwar bereits seit 1858 legal, in der Gesellschaft aber stark tabuisiert. Die religiös-konservative Regierung verstärkt diese Tabuisierung noch. So hat unter anderem der Gouverneur von Ankara rechtswidrig alle LGBT-Veranstaltungen verboten. Die Istanbul Pride wird seit Jahren nicht mehr genehmigt, Proteste dagegen werden von der Polizei regelmäßig mit Gummiknüppeln, Wasserwerfern und Tränengas aufgelöst.