Coronakrise belastet viele LGBTI-Jugendliche stark

Mehr als der Hälfte der Befragten fehlten queere Schutzräume

Obdachloser Jugendlicher
Sujetbild - Fotolia/Roman Bodnarchuk

Für viele queere Jugendliche war die Corona-Krise keine Zeit der Entschleunigung – sondern im Gegenteil Dauerstress: Fehlende Zufluchtsorte oder das dauernde Beisammensein mit homophoben Familienmitgliedern setzten die Jugendlichen unter Druck. Und auch viele Beratungsstellen gehen stark geschwächt aus der Krise.

Das Fehlen realer Frei- und Schutzräume erhöht den Druck auf die jungen Menschen

Eine Online-Befragung des queeren Kölner Jugendzentrums „anyway“ ergab, dass mehr als die Hälfte der 296 Besucher des Zentrums durch die Corona-Krise stark oder sehr stark belastet waren. Bei einem Fünftel stand diese Belastung im Zusammenhang mit ihrer sexuellen Identität.

„LGBTQ-Jugendliche stehen unter höherer psychischer Belastung. Der Druck auf sie stieg während unserer Schließung, weil reale Frei- und Schutzräume wegfielen, in denen sie sie selbst sein können“, erklärte Jürgen Piger, Leiter des Jugendzentrums gegenüber der Bild-Zeitung.

Und „anyway“-Mitarbeiter Falk Steinborn ergänzt: „Es hat sich sogar schon eine Jugendliche bei uns gemeldet, die sich das Leben nehmen wollte. Der Minderheitenstress war verstärkt zu spüren.“ Umso wichtiger ist es, dass das Jugendzentrum nach 68 Tagen nun wieder geöffnet ist.

Auch das „anyway“ in Köln, Europas größter Beratungsort für queere Menschen, leidet unter der Krise

Doch nicht nur für die Jugendlichen war die Corona-Krise existenzbedrohend – auch das „anyway“, Europas größter Beratungsort für queere Menschen, sieht sich nun mit großen Herausforderungen konfrontiert. Denn das Jugendzentrum bekommt keine öffentlichen Förderungen.

Es finanziert sich unter anderem durch die Vermietung seiner Räume, Benefizveranstaltungen und einen Cafébetrieb. Viele dieser Quellen sind während der Krise versiegt – die Kosten, zum Beispiel für die engagierten Mitarbeiter oder die Miete, blieben allerdings. 

Teilweise führte die Coronakrise sogar zu höheren Ausgaben: Das Angebot im digitalen Bereich musste aufgrund der Belastungen queerer Jugendlicher massiv ausgebaut werden, es gibt nun auch virtuelle Beratungs- und Gruppenangebote. Dafür musste in Technik investiert werden.

„Die Krise trifft uns mit voller Härte. Es fehlen 32 870 Euro für unsere Arbeit“, so Piger. Das „anyway“ hat deshalb nun eine Spendenaktion gestartet. Damit soll der Erhalt des 1998 gegründeten Jugendzentrums gesichert werden. Jedes Jahr finden hier mehr als 1.500 Jugendliche Rat und Hilfe, 1000 Schülerinnen und Schüler werden im „anyway“ zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt weitergebildet.