Hat Friedrich Merz Homosexualität mit Kindesmissbrauch gleichgesetzt?

Warum die Äußerungen des CDU-Vorsitzendenaspiranten kein gedankenloser Lapsus sind

Friedrich Merz
Olaf Kosinsky - CC BY-SA 3.0

Friedrich Merz möchte Ende dieses Jahres CDU-Chef und wenige Monate darauf deutscher Bundeskanzler werden. Auf dem Weg dorthin ist ihm nun ein gravierender Ausrutscher passiert – er hat in einem Interview eine Verbindung zwischen schwul und pädophil hergestellt.

„Solange der Wowereit sich mir nicht nähert, ist mir das egal“

Merz war am Sonntag in der Talkshow „Die richtigen Fragen“ zu Gast, einem Videoformat der traditionell Merz-freundlichen Bild-Zeitung. Dabei sprach ihn Moderator Kai Wiese zu einem homophoben Scherz an, den Merz 2001 über den offen schwulen Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit gemacht hat.

Damals kommentierte Merz Wowereits Homosexualität mit den Worten „Solange der Wowereit sich mir nicht nähert, ist mir das egal“. Und schon damals setzte sich Merz damit ins Fettnäpfchen, weil er eine Verbindung zwischen Homosexualität und unerwünschten sexuellen Angriffen hergestellt hatte.

Am Sonntag bekräftigte Merz eine Aussage vom Juli, wonach er diesen Scherz heute nicht mehr machen würde. Allerdings beharrte er darauf, dass diese Aussage nicht beleidigend gewesen sei – um mit Anlauf ins nächste Fettnäpfchen zu springen.

Homosexualität ist Merz egal – solange es „nicht Kinder betrifft“

Denn um seine Lernfähigkeit unter Beweis zu stellen, sagte Merz: „Die Frage der sexuellen Orientierung geht die Öffentlichkeit nichts an. Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft – an der Stelle ist für mich allerdings eine absolute Grenze erreicht -, ist das kein Thema für die öffentliche Diskussion“ – und zeigte damit, dass er eigentlich nichts gelernt hat.

Denn nun muss sich Merz den Vorwurf gefallen lassen, dass er ohne Not eine Verbindung zwischen Homosexualität und Kindesmissbrauch hergestellt habe, wo es keine gibt. Die Kritik kommt dabei auch aus der eigenen Partei.

„Wer schwui mit pädophil gleichsetzt, ist in tiefster Steinzeit verhaftet“, lautet die Kritik aus der eigenen Partei

„Wer schwui mit pädophil gleichsetzt, ist nicht nur hinter 2005 zurückgeblieben, sondern in tiefster Steinzeit verhaftet. Von Friedrich Merz möchte ich weder als Deutscher noch als schwules CDU-Mitglied vertreten werden“, schrieb etwa Frank Sarfeld, Mitgründer der „Union der Mitte“ (UdM) auf Twitter.

Und auch die Lesben und Schwulen in der Union (LSU), die sich sonst mit Kritik an Parteifreunden zurückhalten, positionieren sich klar gegen Merz‘ Aussagen. Er sei „maßlos darüber verärgert“, dass Merz diese beiden Begriffe „öffentlich und ohne Not miteinander verknüpft hat“, so LSU-Bundeschef Alexander Vogt auf Facebook: „Das war heute früh wie eine kalte Dusche für uns“.

Denn: „Die LSU arbeitet seit ihrer Gründung gemeinsam mit vielen anderen Menschen in diesem Land hart daran, den immer wieder hergestellten, aber nicht vorhandenen Zusammenhang zwischen Homosexualität und Pädophilie aus den Köpfen zu bekommen“, ärgert sich Vogt.

Scharfe Kritik kommt auch von den Oppositionsparteien

Für die Oppositionsparteien ist Merz‘ Äußerung ein gefundener Anlass, den konservativen Wirtschaftslobbyisten zu kritisieren. „Hier wird Homosexualität in Zusammenhang mit Kindesmissbrauch erwähnt. Ressentiments, die in den 1980er Jahren weit verbreitet waren, sind in Friedrich Merz‘ Kopf auch 2020 noch weit verbreitet. Gruselig!“, kommentierte etwa Jamila Schäfer, Mitglied des Grünen Bundesvorstands.

Daniel Bacher, Bundessprecher von Die Linke.queer, nennt Merz mit seinen homophoben Äußerungen einen „Wiederholungstäter“ und kommt zu dem Schluss: „Nichts Neues bei Ex-Blackrock-Bonze Merz.“

Merz‘ Pressesprecher weist die Kritik zurück – doch der bayerische FDP-Fraktionschef erklärt das Problem

Merz‘ Pressesprecher Armin Peter weist die Vorwürfe seines Chefs erwartungsgemäß zurück. Er bezeichnete sie als „bösartig und schlicht falsch“: „Friedrich Merz hat gesagt: ‚Die sexuelle Orientierung geht die Öffentlichkeit nichts an, solange sie sich im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft‘. Das gilt also für Heteros, Homos und alle anderen“, versuchte er auf Twitter, die Kritik zu entkräften.

Warum das nicht so einfach ist, erklärte Martin Hagen, Chef der bayerischen FDP-Fraktion, in zwei Tweets: „Dass Schwule eine latente Gefahr für Kinder darstellen, gehört zu den besonders bösartigen homophoben Erzählungen. […] Man stelle sich vor, ein Politiker würde gefragt, ob er Probleme mit einem jüdischen Kanzler hätte, und die Antwort wäre: ‚Religion ist Privatsache. Solange die Person keine Brunnen vergiftet – an der Stelle ist für mich eine Grenze erreicht‘“, schrieb er.