Home Szene Wien Beleidigt und in den Schritt getreten: Schwulenfeindlicher Angriff im Herzen Wiens

Beleidigt und in den Schritt getreten: Schwulenfeindlicher Angriff im Herzen Wiens

Der Angreifer konnte mitten in der Stadt unerkannt flüchten

Wiener Staatsoper
NunoSimoes/Wikimedia - CC BY-SA 3.0

Ein schwulenfeindlicher Übergriff im 1. Wiener Gemeindebezirk empört derzeit die Wiener Community. Ohne Vorwarnung ist ein 25-Jähriger, der am Freitagabend mit seinen Freunden unterwegs war, von einem Unbekannten beleidigt und angegriffen worden.

Der 25-Jährige stand mit Freunden bei einer Zigarette zusammen, als der Unbekannte dazukam

Es war kurz nach 1.00 Uhr früh, als der 25-Jährige, der anonym bleiben möchte, mit seinen Freunden vor einer Bar auf der Straße noch eine Zigarette geraucht hat. Unaufgefordert stellte sich ein Mann zu der Gruppe und fing an, mit den drei Burschen zu plaudern.

Plötzlich fragte der Unbekannte, der vermutlich nicht mehr ganz nüchtern war, mehrmals die Burschen, ob sie schwul seien. Die Gruppe bejahte die Frage – da rastete der Mann aus. Er beschimpfte die Freunde als „Scheiß-Schwuchteln“, bespuckte sie, und trat einem der Burschen, in den Schritt. Danach konnte er unerkannt flüchten. Andere Passanten griffen nicht ein.

„Ich hatte das ganze Wochenende noch Schmerzen im Intimbereich“

„Ich hatte das ganze Wochenende noch Schmerzen im Intimbereich“, erinnert sich der 25-Jährige im GGG.at-Gespräch. Anzeige hat er nicht erstattet – zu schnell verschwand der Unbekannte im Schutz der Nacht, und eine genauere Personenbeschreibung traute sich das Trio nicht zu. Bleibende körperliche Schäden dürfte der Angriff nicht hinterlassen haben. Doch der Schock sitzt tief: „Ich hätte nicht gedacht, dass uns das mitten im 1. Bezirk passiert“.

Gerade deshalb ist es dem 25-Jährigen wichtig, dass der Vorfall öffentlich gemacht wird. „Da darf man nicht zusehen, das darf man nicht dulden“, erklärt er im Gespräch mit GGG.at: „Ich glaube, solche Angriffe passieren häufig, und die Dunkelziffer ist sehr hoch, weil viele Schwule so etwas schon gewohnt sind“, erklärt er.

Dem Innenministerium ist Hasskriminalität gegenüber sexuellen Minderheiten offenbar nicht so wichtig

Doch nicht nur die Dunkelziffer ist bei diesen Vorfällen unbekannt: Trotz entsprechender Forderungen der Community weigert sich das Innenministerium seit Jahren, die Zahl der Hassverbrechen gegenüber sexuellen Minderheiten zu erheben. So weiß niemand wirklich, wie vielen Übergriffen die LGBTI-Community in Wien wirklich ausgesetzt ist.

Dabei wäre der für eine solche Statistik Bedarf gegeben: In Berlin, das knapp 3,8 Millionen Einwohner hat, gab es 2019 insgesamt 344 Fälle von Hasskriminalität gegen die sexuelle und geschlechtliche Identität – doppelt soviel wie noch im Jahr zuvor. Umgerechnet auf Wien wären das etwa 170 relevante homo- oder transphobe Übergriffe pro Jahr, die derzeit nicht adäquat verfolgt werden.

Lindner: „Es ist wieder an der Zeit, ganz laut ‚Nein‘ zu sagen.“

Mittlerweile hat auch einer der bekanntesten offen schwulen Politiker Österreichs auf den Vorfall reagiert: „Wenn von Freitag auf Samstag ein junger schwuler Mann in Wien homophob beschimpft wurde, ihm in die Eier getreten wurde, er bespuckt wurde, dann ist es wieder an der Zeit, ganz laut ‚Nein‘ zu sagen.  Ich will ein friedliches Land, ein gewaltfreies Land, ein Land in dem sich gegenseitig geholfen wird und Solidarität gezeigt wird“, schrieb SoHo-Bundesvorsitzender Mario Lindner, der den 25-Jährigen persönlich kennt, auf Facebook.

Für den 25-Jährigen ist es schon das zweite Mal, dass er im Wiener Nachtleben wegen seiner Homosexualität schlechte Erfahrungen machen musste. Im Frühjahr knutschte er in einem Club mit einem Mann – was jede Menge abfälliger Bemerkungen der anderen Gäste zur Folge hatte. „Nach diesem Vorfall hatte ich Angst, habe schlecht geschlafen und hatte Albträume“, erinnert er sich.

Dass der Angreifer noch gefunden wird, scheint unwahrscheinlich. Doch eines ist sicher: Wenn es wieder solche Angriffe gibt, wird die Community wieder nicht schweigen.