Home Politik Europa LGBT-Kunstwerk in Istanbul: Zwei Studierende festgenommen

LGBT-Kunstwerk in Istanbul: Zwei Studierende festgenommen

Bild der Kaaba mit Regenbogenflagge empört die Mächtigen - und gibt ihnen einen Grund zum Einschreiten

Flagge der Türkei
EngiAkyurt/Pixabay - CC 00

In der Türkei hat es wegen einer LGBT-Kunstinstallation drei Festnahmen gegeben: Das Bild zeigt die Kaaba, die heiligste Städte des Islam, zusammen mit einer Regenbogen- und einer Trans-Flagge. Das meldet die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu.

Die Kaaba mit Regenbogenflagge gab den Behörden einen Grund zum Einschreiten

Das Kunstwerk war am Freitag als Teil einer Ausstellung vor dem Rektorat der Boğaziçi-Universität aufgehängt worden. Diese galt lange als einer der letzten Orte in der Türkei, an dem Diskurs und freie Lehre noch möglich waren. Doch seit dem Putschversuch von 2016 hat Präsident Recep Tayyip Erdogan das Recht, Rektor:innen einzusetzen.

Seit Wochen demonstriert deshalb eine tendenziell linke Studierendengemeinschaft gegen Melih Bulu, den neuen Rektor der Universität einen ehemaligen Politiker der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP. Am Freitag protestierten sie gegen diesen ihrer Meinung nach undemokratischen Schritt mit einer Schau von Bildern friedlich auf dem Campus der Universität.

Drei Festgenommene wurden bereits freigelassen

Darunter war auch das nun beanstandete Bild, das den konservativen Machthabern einen Grund zum Einschreiten gab: Schon kurz nach dem Aufhängen des Bildes wurden fünf Menschen in Istanbul wegen „Verunglimpfung des Islam“ festgenommen. Der LGBTI-Club der Universität wurde von der Polizei durchsucht.

Gegen zwei Studierende soll es mittlerweile auch einen Haftbefehl geben, zwei seien unter Auflagen freigelassen worden, so Anadolu. Der fünfte Festgenommene wurde noch am Abend der Verhaftung freigelassen. Dem Büro des Gouverneurs von Istanbul zufolge werde nach dem „abstoßenden Anschlag“ noch nach zwei weiteren Verdächtigen gesucht. 

Die Mächtigen empören sich über das „gottlose“ Bild

Innenminister Süleyman Soylu bezeichnete die Festgenommenen auf Twitter als „vier abartige LGBT-Vertreter“.  Wie ein Sprecher von Präsident Erdogan schrieb, falle das Kunstwerk weder unter die Meinungs- noch unter die Demonstrationsfreiheit. Vizepräsident Fuat Oktay twitterte: „Als Regierung tun wir, was nötig ist, und ich bin sicher, dass die türkische Justiz dieser Abartigkeit die Strafe geben wird, die sie verdient.“

Auch der vielkritisierte Rektor Melih Bulu äußerte sich auf Twitter gegen seine eigenen Student:innen: „Der Angriff des Heiligsten des Islams durch eine Gruppe Ignoranter ist auf keine Art und Weise zu akzeptieren“, schrieb er. Und Justizminister Abdulhamit Gül schreib, es sei „der Wille von Gott, dem Allmächtigen, ‚mein Haus von allem Schmutz rein zu halten‘“.

Für die türkische Community ist der harsche Tonfall keine Überraschung

Für die Istanbuler LGBTI-Bürgerrechtsgruppe Kaos GL habe die AKP-Regierung mit dieser Kampagne queeren Menschen den Krieg erklärt: Der Tonfall des Gouverneursbüros und der Regierenden sei „keine große Überraschung für die LGBTIQ+-Community in der Türkei“. Mit ähnlichen Narrativen seien im ganzen Land Verletzungen der Menschenrechte an sexuellen Minderheiten gerechtfertigt worden.

Homosexualität ist in der Türkei, im Gegensatz zu vielen anderen islamischen Ländern, zwar nicht verboten. Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transsexuelle klagen aber über zunehmende Diskriminierung und Angriffe. So sind seit 2015 die jährlichen Prides in der Türkei wegen „Gefahren für die Volksgesundheit“ verboten – und dieses Verbot wird auch mit Tränengas und Gummiknüppeln durchgesetzt. Noch 2014 hatten sich der Parade in Istanbul über 100.000 Menschen angeschlossen.

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