Home Politik Europa „Die SPD hat versagt“: LSVD-Kritik nach bizarrem Online-Talk

[Video] „Die SPD hat versagt“: LSVD-Kritik nach bizarrem Online-Talk

Die Beteuerungen der Sozialdemokratie, auf der Seite queerer Menschen zu stehen, seien „nichts wert“, so der Verband

Gruppe auf der Regenbogenparade 2017
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Geht es um die Rechte sexueller Minderheiten in Deutschland, ist die SPD zumeist ein verlässlicher Partner. Doch nach einem Online-Talk der Partei zweifeln viele in der Community daran. Ihr Vorwurf: Anstatt einer ernsthaften Diskussion gab es Ignoranz und lesbophobe Zoten. Der Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD) fordert deshalb eine Entschuldigung der Partei. Die Beteuerungen der Sozialdemokratie, auf der Seite queerer Menschen zu stehen, seien „nichts wert“, so der Verband in einer Presseaussendung.

FAZ-Feuilletonchefin Kegel entschuldigte sich nicht für ihren #ActOut-Verriss

Anlassfall ist der Online-Talk „Kultur schafft Demokratie“. Schon vor einiger Zeit wurde dazu Sandra Kegel, Feuilletonchefin der konservativen Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), eingeladen. Die 49-Jährige steht zur Zeit wegen einem Kommentar in der Kritik, den sie anlässlich der Kampagne #ActOut veröffentlicht hatte. Bei dieser Aktion hatten sich 185 LGBTI-Schauspieler:innen öffentlich geoutet und die Verhältnisse für queere Menschen in der Branche kritisiert.

Kegel bestritt in ihrem Kommentar, dass es bei Film, Fernsehen und Theater Feindlichkeit gegenüber sexuellen Minderheiten gebe und spielte die Diskriminierungserfahrungen, von denen die Initiator:innen berichteten, herunter. Den Beteiligten warf sie vor, aus „Kalkül im Ringen um Aufmerksamkeit bei Verkennung der Verhältnisse“ zu handeln. Die SPDqueer forderte deshalb mit Nachdruck, Kegel von dem Online-Talk wieder auszuladen.

Jene, die Kegel kritisierten, wurden eines „stalinistischen Schauprozess-Jargons“ bezichtigt

Das lehnte die Partei allerdings ab – als Kompromiss erklärten sich die Grundwertekommission und das Kulturforum der SPD als Veranstalter allerdings bereit, die #ActOut-Unterzeichner:innen Bettina Hoppe und Heinrich Horowitz sowie den preisgekrönten Blogger Johannes Kram einzuladen, um am Ende der Veranstaltung dreiminütige Statements abzugeben.

„Was dann geschah, war so unverständlich wie schwer auszuhalten“, so der LSVD, der die Veranstaltung als „fassungslose Farce“ bezeichnete. Kegel spielte ihren Kommentar als „Glosse“ herunter, und die queeren Teilnehmer:innen an der Diskussion wurden beschuldigt, Kegel mundtot machen zu wollen. Letztendlich musste sich nicht Kegel verteidigen, sondern ihre Kritiker:innen wurden eines „stalinistischen Schauprozess-Jargons“ bezichtigt.

Lesbenfeindliche Anekdote von Moderatorin und SPD-Ikone Gesine Schwan als peinlicher Höhepunkt

Peinlicher Höhepunkt war dann gegen Schluss der Veranstaltung, als Moderatorin Gesine Schwan, Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission, erzählte, dass sie früher bei Podiumsdiskussionen sagte, dass sie gerne lesbisch wäre – weil sämtliche verfügbaren Single-Männer ihres Alters ihren Ansprüchen nicht genügen würden. Sie selbst fand diesen Schwank aus ihrem Leben amüsant – die queeren Teilnehmer:innen des Online-Talks vermutlich weniger.

„Die SPD hat versagt“, so das resignierende Fazit des LSVD. Ausgerechnet in Grundwertekommission der Sozialdemokraten hätten die Verantwortlichen klargemacht, auf wessen Seite sie stünden. Er fordert nun ein „glaubwürdiges Aufarbeiten innerhalb der Partei“. Dazu gehöre auch, dass sich die Verantwortlichen bei den Redner:innen, #ActOut und der queeren Community entschuldigten.

Johannes Kram, Diskutant und Verfasser des preisgekrönten Nollendorfblogs kam nach dem Ende der Veranstaltung zu dem Schluss, diese habe gezeigt, „dass die SPD in ihrer Arroganz und Selbstgefälligkeit Schwan’scher Prägung lieber mit dem FAZ-Feuilleton kuschelt statt einer angegriffenen Minderheit einen geschützten Raum zur Verteidigung zu bieten“. Für eine Mitte-Links-Partei, die sich selbst als queerfreundlich bezeichnet, ist das in einem Bundestags-Wahljahr wohl ein vernichtendes Urteil.

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