Berlin: LGBTI-Großveranstalter arbeiten zusammen – gegen neuen CSD-Verein

Der neue Veranstalter möchte den CSD am geplanten Termin für Folsom Europe steigen lassen - Rückhalt in der Community schwindet

Symbolbild: CSD Berlin
Symbolbild - Jörg Kanngießer - CC BY-NC 2.0

Chaos rund um den Berliner CSD: Nachdem eine neu gegründete „Aktionsgemeinschaft lgbtiq Berlin e.V.“ angekündigt hatte, am 11. September eine Straßenparade mit Abschlussveranstaltung vor dem Brandenburger Tor abhalten zu wollen, meldet sich nun der bisherige Veranstalter, der Berliner CSD e.V., zurück – und er hat sich Verstärkung geholt.

Die etablierten Vereine haben einen Dachverband gegründet und distanzieren sich vom neuen Player

So hat sich der Berliner CSD-Verein mit drei anderen Vereinen, die in Berlin Szene-Events veranstalten, zur „Initiative Queerer Veranstalter Berlin“ (IQV) zusammengeschlossen. Diese sind der Berlin Leder und Fetisch e. V. (BLF), Organisator des Oster-Fetisch-Meetings „Easter Berlin“, Folsom Europe e. V. und der Regenbogenfonds der schwulen Wirte e. V., der das Lesbisch-Schwule Stadtfest in der Motzstraße organisiert.

Die IQV – und damit auch der Berliner CSD e.V. – habe mit der von der Aktionsgemeinschaft angekündigten Veranstaltung „nichts zu tun“ und „distanziert sich ausdrücklich“ von Veranstaltung und Organisatoren, „welche keinen Verein in ihre Planungen miteinbezogen hat“. Eine Zusammenarbeit mit dem neuen Verein, der erst im Februar gegründet wurde, werde von allen vier Vereinen abgelehnt.

Hinter der „Aktionsgemeinschaft“ stecken die Chefs einer Event-Firma

Der neue Verein nutzte die eingeschränkte Handlungsfähigkeit der bisherigen Veranstalter ausgenutzt – Anfang Jänner trat der Vorstand geschlossen zurück, bis jetzt gibt es weder einen neuen Vorstand noch einen Termin für den CSD 2021. Eine der Varianten war eine Veranstaltung am 25. September, derzeit führt der alte Vorstand den Verein geschäftsführend weiter.

„Wir haben gedacht, wenn der Berliner CSD e. V. das nicht auf die Reihe kriegt, einen CSD in 2021 zu organisieren, dann übernehmen wir das mit unserem Know-How und unseren Mitstreiter*innen“, gibt Thomas Kohs, einer der Gründer des neuen Vereins, gegenüber des queeren Stadtmagazins Siegessäule auch offen zu.

Noch bevor fix ist, wer den CSD Berlin überhaupt veranstaltet, hat der neue Verein große Pläne

Kohs hat nicht nur gemeinsam Markus Poscher die Interessensgemeinschaft gegründet, die beiden Männer veranstalten mit ihrer Event-Firma auch die queeren Christkindlmarkt „Christmas Avenue“ in Köln und Berlin und weitere Nicht-Szene-Events wie die Weiberfastnacht Siegburg.

Mit dem CSD Berlin haben sie große Pläne: So wollen sie unter anderem die Europride nach Berlin holen, wie sie gegenüber dem Tagesspiegel sagten. Man wolle „kein Ersatz für bestehende Konstruktionen sein, sondern neue Sachen gemeinsam entwickeln“, so die Veranstalter. Zum letzten Mal fand die Europride 1993 in Berlin statt.

Dass Kohs und Poscher an den Organisationsqualitäten des Vereins zweifeln, der seit Jahren die Parade und den Schlussevent organisieren, stößt den alteingesessenen Veranstaltern besonders sauer auf. Die neue Aktionsgemeinschaft erwecke in der Öffentlichkeit den Eindruck, sie veranstalte „alleinig einen ‚neuen‘ CSD“, und alle anderen Vereine hätten sich „danach zu richten“, so die IQV.

Verdrängt der CSD der neuen Macher das etablierte Folsom-Europe-Straßenfest?

Die IQV kündigte außerdem an, sich bei einem eventuellen Aktionsgemeinschafts-CSD „in keiner Weise engagieren“ zu wollen. Kritik kam auch am Terminvorschlag der Neo-Veranstalter: Der zweite Samstag im September sei traditionell für das Fetisch-Festival Folsom Europe reserviert, das ebenfalls tausende Besucher nach Berlin zieht.

Zusätzlich zur klassischen CSD-Demonstration – wer auch immer sie veranstalten wird – ist in Berlin auch dieses Jahr wieder ein nicht-kommerzieller Pride-Marsch geplant. Für den 26. Juni plant der Aktivist Nasser El-Ahmad eine „hybride Stern-Demo der LGBTIIQ*-Community“ zum Alexanderplatz. Bei der ersten Auflage dieser Veranstaltung nahmen letztes Jahr 3.000 Menschen teil.