Schwules Paar in der U-Bahn verprügelt – für Polizei kein Hassverbrechen

Nicht nur der Angriff erschüttert Rom, sondern auch die Reaktion der Behörden

Angriff in der römischen U-Bahn
GayNet Roma

Wie erst jetzt bekannt geworden ist, wurde in Rom ein schwules Paar Ende Februar zum Opfer eines gewalttätigten Angriffs. Der Angreifer konnte mittlerweile identifiziert werden, doch die Polizei der italienischen Hauptstadt weigert sich, die Tat als Hassverbrechen einzustufen.

Als Jean Pierre seinen Freund küsste, rastete ein Mann auf dem anderen Bahnsteig aus

Die Tat ereignete sich am 26. Februar gegen 21.00 Uhr in der U-Bahn-Station Valle Aurelia im Nordwesten der italienischen Hauptstadt, berichtet die italienische Tageszeitung La Repubblica. Der 23-jährige Jean Pierre Moreno küsst gerade seinen 13 Jahre älteren Freund Alfredo, als ein Mann am anderen Bahnsteig das Paar anschreit und fragt: „Schämt ihr euch nicht?“

https://fb.watch/4qOwUtUWNh/

Jean Pierre schreit zurück: „Für was sollen wir uns schämen?“ – da überquert der Mann die Gleise und fängt an, das Paar zu schlagen und zu treten. Ein Freund des Paares hat die Tat auf Video festgehalten, die LGBTI-Organisation GayNet Roma hat die Aufnahmen in Sozialen Netzwerken veröffentlicht. Alfredo wurde bei dem Angriff am linken Auge verletzt, Jean Pierre kam ohne gravierende Verletzungen davon. 

Die Polizei forderte die Aufnahmen der Überwachungskameras zunächst nicht an

Beim Versuch, die Tat nach ihrem Besuch in der Notaufnahme bei der Polizei anzuzeigen, erlebten sie die nächste unliebsame Überraschung. Wie das Paar erklärte, wollte die Polizei die Tat nicht als schwulenfeindliches Hassverbrechen einstufen. Sie weigerte sich auch, das Material der Überwachungskameras anzufordern, das so nach sieben Tagen automatisch gelöscht wurde.

Für Rosario Coco von GayNet Roma ein Skandal: „Eine zusätzliche Beschwerde war notwendig, damit die Anfrage zum Abrufen des Überwachungsvideos gestellt wurde, um so den gesamten Vorfall belegen zu können. Wir wissen derzeit nicht, ob die Bilder wiederhergestellt werden konnten“, ärgert sie sich – man warte derzeit auf eine Erklärung der Staatsanwaltschaft.

Bei dem Angreifer handelt es sich um einen 31-Jährigen aus Jesolo

Mittlerweile konnte der mutmaßliche Angreifer identifiziert werden, wie GayNet Roma am Dienstag über Twitter mitgeteilt hat. Es handelt sich um den 31-jährigen Gioele T. aus Jesolo. Wie die Schwester des Mannes La Repubblica erzählt hat, war er auf dem Bahnsteig, weil er nach einem Streit mit einer Frau sein Flugzeug nach Verona verpasst hatte und auf dem Weg zum Hauptbahnhof war. 

Auch die römische Bürgermeisterin Virginia Raggi vom Movimento 5 Stelle hat ihre Solidarität mit dem schwulen Paar erklärt. Sie schrieb auf Twitter, dass jede Form von Diskriminierung und Gewalt entschieden verurteilt werden müsse. „Episoden wie diese stellen eine unerträgliche Straftat dar“, so Raggi.

Allerdings sind Angriffe auf Angehöriger sexueller Minderheiten in Italien keine Seltenheit: Wie die in Wien ansässige Europäische Grundrechteagentur FRA ermittelt hat, vermeiden es 62 Prozent der gleichgeschlechtlichen Paare in Italien, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten. Aus Angst vor Angriffen meiden 30 Prozent bestimmte öffentliche Orte.