Segnungsverbot: Experte warnt vor moralischer Bewertung wegen Bibelstellen

Symbolbild: Schwules Ehepaar
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Wenn es um das Verbot von Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare durch die römisch-katholische Kirche geht, zitieren die Gegner dieser Segnungen gerne die Bibel. Doch moralische Bewertungen anhand von Bibelstellen seien trügerisch, warnt der Bibelwissenschaftler Thomas Hieke in „Achtung, Bibel!“, einer Spezialsendung des zur Erzdiözese Wien gehörenden Radio Stephansdom.

Homosexuelle Partnerschaften auf Augenhöhe gab es damals noch nicht

Zwar seien „heterosexuelle Beziehungen zur Zeugung von Nachkommen der Plan Gottes“. Jedoch stehe nicht in der Bibel, „dass dies der einzige Plan Gottes mit dem Phänomen menschlicher Sexualität sei“, so der Bibelwissenschaftler der Universität Mainz. So kenne die Bibel das heutige Konzept von „von Homosexualität als eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft auf Augenhöhe“ wie bei einer monogamen heterosexuellen Ehe nicht, erklärt Hieke.

Zwar ächte die Bibel „bestimmte gleichgeschlechtliche Akte unter Männern“ – aber aus ganz bestimmten Gründen: In Genesis 19 gehe es etwa darum, dass die Männer von Sodom mit Analverkehr Lot und seine Gäste demütigen wollten – eine bis heute verbreitete Kriegstaktik. „Die Sünde der Männer von Sodom ist also nicht Homosexualität, sondern die gewaltsame Unterdrückung von Fremden und Schutzbedürftigen“, betont Hieke.

Wen Gott letztendlich segnet, kann der Mensch nicht verhindern

Auch das von christlichen Homo-Gegnern immer wieder zitierte Verbot „Du darfst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; das wäre ein Gräuel“ in Leviticus 18, Vers 22, beziehe sich auf nicht legitime Sexualbeziehungen, die meistens mit Inzest zu tun haben oder aus denen keine Nachkommen hervorgingen: So sei es auch verboten mit einer menstruierenden Frau zu schlafen oder Tiere zu begatten. „Eine homoerotische Veranlagung bzw. homosexuelle Identität sind nicht im Blick“, betont der Bibelexperte.

Und auch, wenn der Vatikan schwulen oder lesbischen Paaren Gottes Segen verweigere – das heiße noch lange nicht, „dass sich Gott an diese Interpretationen anschließt und ebenfalls den Segen verweigert“, so Hieke: Letztendlich können Menschen andere Menschen nicht von Gottes Segen fernhalten. Das Problem liege eher auf der zwischenmenschlichen Seite: „Die Verweigerung des Segenszeichens ist eine subtile und daher umso gravierendere Entwürdigung der Ausgeschlossenen“, so der Wissenschaftler.