Home News Chronik Patienten sexuell belästigt? Berliner Arzt schweigt bei Prozessauftakt

Patienten sexuell belästigt? Berliner Arzt schweigt bei Prozessauftakt

Es drohen bis zu fünf Jahre Haft, ein Urteil wird im Juni erwartet

Justitia
Symbolbild - Fotolia

Am Montag hat in Berlin am Amtsgericht Tiergarten nach jahrelangen Wartezeiten der Prozess gegen einen in der Community anerkannten HIV-Arzt begonnen. Der international geschätzte Experte soll zwischen August 2011 und Mai 2013 fünf Patienten missbraucht haben, entsprechende Gerüchte gab es schon bedeutend länger. Er selbst und seine drei Anwälte weisen alle Vorwürfe zurück.

Ermittlungen gegen den Arzt gibt es bereits seit 2013

Seit 2013 ermittelt die Berliner Ärztekammer berufsrechtlich gegen den Mediziner. Im Jahr 2014 nahm sich die Staatsanwaltschaft dem Fall an und erhob 2016 Anklage. Der Arzt soll dabei in fünf Fällen das Beratungs-, Behandlungs- und Betreuungsverhältnis ausgenutzt haben, heißt es in der Anklageschrift.

Den Aussagen der Opfer zufolge soll der Mediziner einige Patienten ohne ersichtlichen Grund aufgefordert haben, sich auszuziehen. In anderen Fällen habe der Arzt vermeintliche Komplimente über ihre Genitalien gemacht und einige von ihnen sogar scheinbar ohne medizinische Notwendigkeit sexuell stimuliert. Manchen soll er im Austausch gegen sexuelle Übergriffe Medikamente verschrieben haben.

Die drei Anwälte des Arztes betonen die Unschuld ihres Mandanten

Die Verteidigung widerspricht den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft. „Er ist seit Jahren ein engagierter Arzt, dem es um das Wohl der Patienten geht und nichts anderes“, so einer der Anwälte. Der Angeklagte habe „keinerlei sexuellen Handlungen an Patienten vorgenommen“, alle Untersuchungen und Therapien seien medizinisch indiziert gewesen. Alle darüber hinaus gehenden Angaben seien „Gerüchte“ ohne „wahren Hintergrund“.

Der 62-Jährige selbst zog es vor, auf der Anklagebank zu schweigen. „Ich bin Arzt“, gab er zu Protokoll, als er nach seinen Personalien befragt wurde. Das war seine einzige Aussage am ersten Verhandlungstag. „Derzeit wird er sich nicht äußern“, erklärte einer seiner Anwälte. Für ihn geht es um mehr als seinen Ruf: Die Praxis, die es seit 27 Jahren gibt, hat mehr als 50.000 Patienten, davon 70 Prozent Männer.

Wird der sexuelle Missbrauch von schwulen Männern nicht ernst genommen?

Am Rande des Prozesses hieß es, dass die Ermittlungen gegen den Mediziner schwierig gewesen seien. Deshalb hätten sie auch so lange gedauert. Zuletzt seien zwei Anläufe zum Start des Prozesses wegen der Corona-Pandemie gescheitert. Mittlerweile drohen einige der angeklagten Fälle zu verjähren.

Die Anwältin eines Nebenklägers sagte dem Tagesspiegel, ihr Mandant habe inzwischen den Eindruck, „dass sexueller Missbrauch von Schwulen nicht so ernst genommen wird von der Justiz“: Er sei bereits 2012 bei der Patientenbeauftragten des Landes Berlin gewesen – und sehe sich seit mittlerweile sieben Jahren dem Vorwurf ausgesetzt, er würde lügen.

Der Arzt soll sich besonders verletzliche Patienten ausgesucht haben

Medienberichten zufolge soll der Mediziner, für den die Unschuldsvermutung gilt, bis zu 30 Personen sexuell belästigt haben. Dabei soll es sich vor allem um vulnerable Patienten gehadelt haben, die sich potenziell mit HIV infiziert hatten, keinen deutschen Pass oder keine Krankenversicherung hatten. Beratungsstellen sollen die Vorwürfe bestätigen, einige von ihnen sollen auch keine Klienten mehr an den Arzt weitervermittelt haben.

Zusätzliche Aufmerksamkeit hat der Fall auf sich gezogen, als der Mediziner, der seit mehr als 25 Jahren eine HIV-Schwerpunktpraxis in einem Berliner Schwulenkiez hat, den Online-Ausgaben von BuzzFeed News und Vice gerichtlich untersagen wollte, über die Vorwürfe zu berichten. Die entsprechenden Artikel blieben mehr als ein Jahr offline – bis das Kammergericht Berlin den Medien teilweise recht gab und die Artikel überarbeitet wieder online gehen konnten.

Dem Mediziner drohen bei einer Verurteilung durch das Schöffengericht zwischen drei Monaten und fünf Jahren Haft. Die Verhandlung soll am 26. April fortgesetzt werden. Ein Urteil wird für den 14. Juni erwartet.