Migranten vergewaltigt: Vier Jahre Haft für LGBTI-Flüchtlingshelfer

Der Fall wirft einen Schatten auf die Kontrollmechanismen der größten schwedischen LGBTI-Vereinigung

Justitia
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In Stockholm ist ein ehemaliger Mitarbeiter der größten schwedischen LGBTI-Organisation RFSL zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Er wurde vom Bezirksgericht schuldig befunden, vier Migranten vergewaltigt und zwei von ihnen in seinem Büro sexuell belästigt zu haben. Außerdem muss er den Opfern Schadenersatz zahlen.

Der Mann hatte Migranten beraten – und dann ihre Hilflosigkeit ausgenutzt

Der heute 56-Jährige hatte bei RFSL Migranten beraten, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität Asyl suchen. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Mann zwischen Oktober 2018 und Oktober 2019 die „besonders verletzliche Situation“ seiner Schützlinge ausnutzte und seine Macht missbrauchte.

Denn die Opfer hätten sich in der Hoffnung an den Migrationsberater gewandt, Hilfe in ihrem Asylverfahren zu bekommen. „Sie waren entweder Asylbewerber, hatten keine Papiere, warteten auf ihren Bescheid oder arbeiteten mit einer befristeten Arbeitserlaubnis“, heißt es in der Urteilsbegründung.

Die vier Fälle, wegen denen der Mann nun verurteilt wurde, könnten dabei nur die Spitze des Eisbergs sein. Denn wie lokale Medien berichten, ermittelt die Polizei in sechs weiteren Fällen gegen den Beschuldigten.

Auch die größte schwedische LGBTI-Organisation hat viel aufzuarbeiten

Bei RFSL ist man über die Vorfälle zutiefst erschüttert. „Kein Täter sollte in der Lage sein, die Tätigkeit des RFSL zu nutzen, um Menschen in einer verletzlichen Position zu missbrauchen“, heißt es in einer Erklärung der Organisation. Man begrüße das Urteil und habe in der Stockholmer Niederlassung sofort nach dem Aufkommen der ersten Vorwürfe eine Untersuchung eingeleitet.

Allerdings musste die Organisation einräumen, dass die erste Untersuchung gegen den Mitarbeiter „unzureichend“ gewesen sei: Sie habe nicht genügend Beweise geliefert, um den Täter anzuzeigen – unter anderem, weil die Opfer teilweise noch keine Papiere hatten, um legal in Schweden zu bleiben.

Die Richtlinien sollen überprüft werden

Erst als weitere Anschuldigungen auftauchten und ein Opfer bereit war, den Mann bei der Polizei anzuzeigen, wurde der Mitarbeiter entlassen. Nun will RFSL die Richtlinien für Mitarbeiter:innen und Ehrenamtliche überprüfen. „Alle Abläufe bei RFSL müssen sicher sein, sich ständig weiterentwickeln und die Qualität durch systematische Arbeit sicherstellen“, so die Organisation.

Die Opfer des Missbrauchs müssten Wiedergutmachung bekommen, so RFSL-Präsidentin Deidre Palacios: „RFSL hat eine Menge Arbeit vor sich, um sicherzustellen, dass so etwas nicht wieder passiert.“ Die Organisation sei darauf aufgebaut, LGBTIQ-Personen, die Gewalt, Drohungen und Hass ausgesetzt seien, zu schützen und zu unterstützen. Man verurteile „alle Formen von Missbrauch“, betonte RFSL in der Aussendung.