Prozess gegen Berliner Arzt: Auch ein Österreicher unter den Opfern?

„Es folgten immer mehr Finger und eine bewusste Stimulation“

Justitia
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In Berlin muss sich derzeit ein bekannter Szenemediziner vor Gericht verantworten. Ihm wirft die Staatsanwaltschaft vor, zwischen 2011 und 2013 fünf Patienten in seiner Praxis sexuell missbraucht zu haben. Im Umfeld des Prozesses ist von weiteren Geschädigten die Rede: So könnte auch ein Flugbegleiter aus Österreich zu den Opfern des Arztes, für den die Unschuldsvermutung gilt, gehören.

Auch ein Wiener Flugbegleiter hatte bei dem Mediziner ein Erlebnis, das ihn verstörte

Es wurde die Schilderung eines weiteren möglichen Übergriffs des 62-jährigen Mediziners verlesen. Ein Flugbegleiter aus Wien schilderte einer Anwältin der Nebenkläger:innen in einer E-Mail einen mutmaßlichen sexuellen Angriff durch den Arzt – er habe durch Berichterstattung erkannt, dass es sich bei ihm um keinen Einzelfall handelte und wolle dem Gericht deshalb als Zeuge zur Verfügung stehen.

Dem Mann, der von 2012 bis 2013 in Berlin gearbeitet habe, sei aufgrund seiner HIV-Infektion die Praxis des Angeklagten empfohlen worden. Nach ersten, guten Erfahrungen mit einem Assistenzarzt sei es bei einem Besuch zum Kontakt mit dem heute 62-Jährigen gekommen. Dieser habe ihn nach der Frage, „ob die proktologische Untersuchung schon gemacht worden sei“, allein in einem Untersuchungsraum untersucht.

Der Flugbegleiter schreibt weiter, dass er sich ganz ausziehen musste, was ihn beschämt habe. Dann habe der Arzt mit der proktologischen Untersuchung angefangen. „Es folgten immer mehr Finger und eine bewusste Stimulation“, so der Mann. Dann soll der Angeklagte seinen Penis gerieben haben. „Mir war klar, dass es übergriffig war, aber ich war eingeschüchtert“, so der Zeuge in seiner Mail.

Die Verteidigung bezichtigt den Zeugen, die Unwahrheit zu sagen

Die Ladung des Flugbegleiters aus Wien als weiteren Zeugen lehnte Verteidigerin Gilda Schönberg ab. Das mutmaßlich sechste Opfer des Mediziners würde die Unwahrheit sagen, so die Rechtsvertreterin. Die Geschichte des Mannes sei Teil einer „gemeinsamen Stimmungsmache“ der Anwältinnen der Nebenklage gegen den Mediziner. Sie vermute, dass so eine „schiere Masse an vermeintlich Geschädigten“ ihren Mandanten „vorverurteilen“ solle. 

Für Anwalt Johannes Eisenberg, der für seinen ruppigen Stil vor Gericht bekannt ist, ist die E-Mail des Wieners sogar „verleumderisch“, weil dem Patientenakt zufolge die proktologischen Untersuchungen an dem Mann als medizinisch notwendig begründet seien. Das Gericht hat über eine Ladung des Wieners am Montag noch nicht entschieden.

Die Anwälte möchten die Anzahl der bekannt gewordenen Opfer klein halten

Offenbar möchte die Verteidigung des Arztes die Zahl der Geschädigten möglichst klein halten.  Ob das gelingt, ist unklar. Das deutsche Online-Portal queer.de schreibt, ihm seien weitere Vorfälle aus dem Jahr 2013 bekannt, die derzeit nicht in der Anklageschrift zu finden seien. Auch die Portale Buzzfeed und Vice berichten in ihren Recherchen von mindestens sieben Männern, die ebenfalls nicht Teil der Anklage sind. Mindestens eine Beschuldigung soll kurz vor dem Beginn des Prozesses bei der Polizei angezeigt worden sein.

Die Verhandlung wird am 17. Mai mit der Befragung eines weiteren mutmaßlichen Geschädigten fortgesetzt.