Tausende gehen in Belgrad gegen die EuroPride auf die Straße

Kirche und Nationalisten machen Druck, um die Parade Mitte September zu verhindern

Symbolbild: Belgrad
Symbolbild - Falco/pixabay - C00

Im September soll in Belgrad die EuroPride stattfinden. Nun intensiviert sich der Widerstand gegen die Veranstaltung, die zum ersten Mal in Südosteuropa stattfindet: Tausende orthodoxe Christen haben am Sonntag gegen die Parade demonstriert, einen Tag zuvor hatte bereits Serbiens Staatschef Aleksandar Vučić eine Absage der EuroPride bekanntgegeben.

Kampf gegen „Schändung des Landes, der Kirche und der Familie“

Die Teilnehmer:innen der Gegendemonstration trugen Heiligenikonen, Kreuze und religiöse Fahnen durch das Zentrum der serbischen Hauptstadt und beteten. Zum Abschluss der Demonstration versammelten sie sich vor dem Dom des Heiligen Sava. Bischof Nikanor lobte die Entscheidung der Regierung, „die Schändung unseres Landes, unserer Kirche und unserer Familie“ zu beenden. 

Die Gläubigen seien bereit, erneut auf die Straße zu gehen, “um sich denen entgegenzustellen, die Serbiens Werte zerstören wollen“, so der Geistliche weiter. Auf einem Video, das die News-Website Glas Jawnosti veröffentlicht hatte, nannte der Bischof LGBTI-Lebensformen eine „Abnormität“, mit der verfahren werden müsse wie in Wladimir Putins Russland, den der Bischof als „Zaren des Planteten“ bezeichnete.

„Wegen Problemen“ Serbiens hatte Präsident Vučić die Absage der EuroPride bekanntgegeben

Die Demonstrant:innen wollten mit der Kundgebung der Regierung Rückendeckung für die Absage der EuroPride geben: Der rechtspopulistische Präsident Aleksandar Vučić hatte am Samstag verkündet, die für Mitte September in Belgrad geplante Parade falle aus. Es ist nicht die erste Großdemo gegen die Parade: Bereits vor zwei Wochen haben Rechte in Belgrad gegen die EuroPride demonstriert

In Übereinstimmung mit der Mehrheit des Kabinetts und auch der offen lesbischen Ministerpräsidentin Ana Brnabić werde die „Pride-Parade, oder wie auch immer man sie nennen mag, wird verschoben oder abgesagt“, sagte er mit Verweis auf „alle möglichen Probleme“ Serbiens, wie etwa Spannungen mit dem benachbarten Kosovo.

Die offen lesbische Ministerpräsidentin Brnabić ist auch für die Absage

Brnabić, die 2017 noch die Belgrade Pride angeführt hatte, bestärkte am Sonntag diese Position: Es gehe darum, alle Kapazitäten der Sicherheitskräfte bereitzuhalten, „um jegliche Gewalt im Kosovo zu verhindern“, so die Ministerpräsidentin. Für die Sicherung des EuroPride blieben nicht genügend Polizeikräfte übrig, so Brnabić.

Doch Vučić und Brnabić haben die Rechnung ohne die Organisator:innen der EuroPride gemacht. Denn diese halten am Termin vom 12. bis 18. September fest. Am 17. September soll als Höhepunkt der Pride-Marsch stattfinden. Sie betonten, wichtig die Ausrichtung der EuroPride in Serbien für die Gleichstellung sexueller Minderheiten „auf dem Westbalkan“ sei.

Organisatoren: „Staat kann EuroPride nicht absagen“

„Der Staat kann die EuroPride nicht absagen – er kann nur versuchen, ihn zu verbieten, was ein klarer Verstoß gegen die Verfassung wäre“, erklärte Marko Mihailović, Koordinator der Veranstaltung,, auf Twitter. Dazu gebe es klare Urteile des Verfassungsgerichts. 

Die EuroPride-Organisatoren wissen dabei auch die stille Mehrheit der serbischen Bevölkerung hinter sich. Mehr als zwei Drittel der Befragten sprachen sich letztes Jahr bei einer Umfrage dafür aus, dass die LGBTI-Community in Pride-Paraden öffentlich demonstrieren darf.

Ernst-Dziedzic: „Die EuroPride muss stattfinden“

Auch aus Österreich kommen Solidaritätsbekundungen für die serbische Community. „Die EuroPride muss stattfinden“, so Ewa Ernst-Dziedzic, Grüne Sprecherin für Außenpolitik und LGBTI-Themen. Sie kündigt an, ein Gespräch mit Außenminister Alexander Schallenberg von der ÖVP zu führen, damit die Proteste auch auf höchster diplomatischer Ebene den serbischen Präsidenten erreichen.

Die Proteste erinnern an die ersten Pride-Märsche in Belgrad, die 2001 und 2010 stattgefunden haben. Sie waren von Gewaltexzessen überschattet, die von der serbisch-orthodoxen Kirche mit angefacht wurden. Seit 2014 findet die Belgrade Pride jährlich statt – immer begleitet von einem großen Sicherheitsaufgebot.

Mehr als die Hälfte der queeren Community Serbiens wurde bereits misshandelt

Denn Serbien gilt trotz der offen lesbischen Ministerpräsidentin, die vor drei Jahren erstmals Mutter geworden ist, als eines der homophobsten Länder Europas. Einer Untersuchung der Menschenrechtsorganisationen Ideas und Glic aus dem Jahr 2020 zufolge berichteten fast 60 Prozent der befragten Angehörigen sexueller Minderheiten von Erfahrungen mit körperlichen oder emotionalen Misshandlungen.

Auch wegen der prekären Situation der LGBTI-Community in Serbien hat die Vereinigung der europäischen Prides entschieden, die EuroPride für dieses Jahr Belgrad zuzusprechen. Die EuroPride ist eine Großveranstaltung der europäischen LGBTI-Community mit zahlreichen kulturellen und politischen Events. Sie findet seit 1992 jedes Jahr in einer anderen europäischen Stadt statt, darunter zweimal in Wien.