Vom schwulen Vizeleutnant bis zu Tschaikowskis Frau: So queer war die Viennale noch nie

Österreichs größtes und wichtigstes Filmfestival entdeckt queere Inhalte

Eismayer
Golden Girls Filmproduktion

Mit großem Bahnhof wurde gestern die 60. Viennale eröffnet. Bis 1. November bietet das größte Filmfestival Österreichs einen bunten Querschnitt der internationalen Kinoszene, abseits der allseits bekannten Blockbuster. Mit dabei sind auch einige queere Highlights. 

„Eismayer“ von David Wagner

Allen voran der Film “Eismayer”, über den Bundesheer-Vizeleutnant Charles Eismayer und seine Beziehung zum jungen Rekruten Mario Falak, für den er Frau und Familie verlässt. Entstanden sind eine subtile Charakterstudie und ein doppelt gespiegeltes Generationenportrait. 

Der Film von Regisseur David Wagner könnte Österreich 2023 bei den Oscars vertreten. Zu sehen ist „Eismayer” am 23. Oktober mit Anwesenheit des Regisseurs im Gartenbaukino und einen Tag später in der Urania – inklusive Audiodeskription für blinde und sehbehinderte Besucher:innen. 

„Zhena Chaikovskogo“ von Kirill Serebrennikow

In “Zhena Chaikovskogo” nimmt der russische Drehbuchautor und Regisseur Kirill Serebrennikow die Beziehung des schwulen Komponisten Piotr Tschaikowski zu seiner Ehefrau, einer jungen Musikschülerin, unter die Lupe. Für sie wird die Liebe zu dem berühmten Komponisten zu einer Obsession, für die sie bereit ist, alles zu ertragen – er möchte sie allerdings so schnell wie möglich los werden.  

Tschaikowski schreibt in seinen Briefen an seinen ebenfalls schwulen Bruder Modest sehr detailliert über dieses Drama, das nach drei Monaten zu einem Nervenzusammenbruch des Komponisten führt – und zur Komposition seines berühmten Violinkonzerts. Zu sehen ist der Film heute, Freitag, im Stadtkino im Künstlerhaus und am 1. November in der Urania. 

Serebrennikow, selbst offen schwul, schrieb das Drehbuch während seines Hausarrests in Russland, unter dem er immer noch steht. Ihm wird die Veruntreuung von Staatsgeldern vorgeworfen.

„Close“ von Lukas Dhont

Ebenfalls auf der Viennale läuft “Close”, ein Teenager-Beziehungsdrama des belgischen Regisseurs Lukas Dhont. Es geht um Leo und Rémi, zwei 13-jährige Schüler, die beste Freunde sind – bis zu dem Moment, in dem eine Klassenkameradin fragt, ob die beiden “zusammen” seien. Leo bricht schließlich den Kontakt zu Rémi ab, um die Gerüchte zum Verstummen zu bringen – mit tragischen Konsequenzen. 

Queere Themen sind für Dhont nicht neu: In seinem Debutfilm “Girl” erzählte er 2018 die Geschichte eines 15-jährigen trans Mädchens. Der Film geht für Belgien ins Rennen um einen Oscar 2023. Zu sehen ist er am Nationalfeiertag in der Urania und am 28. Oktober in der Urania. 

„Les amandiers“ von Valeria Bruni-Tedeschi

Stark autobiografische Züge hat der französische Film “Les amandiers” der Regisseurin und Schauspielerin Valeria Bruni-Tedeschi. Sie erzählt, wie sie in den 1980er Jahren am Théâtre des Amadiers angenommen wurde, einer berühmten Schauspielschule in Nanterre unter der damaligen Leitung von Patrice Chéreau und Pierre Romans. Der Film erzählt die Geschichte einer Gruppe junger Schauspielschüler:innen.  

Für sie ist die Aufnahme auf diese Schule ein Wendepunkt in ihrem Leben, der Film zeichnet ihren Werdegang auf dem Weg zum Ruhm nach – inklusive den Lieben, Leidenschaften und Verzweiflungen während der Aids-Epidemie. Der Film ist in Originalfassung mit englischen Untertiteln noch am Nationalfeiertag in der Urania zu sehen, mit Anwesenheit der Datstellerinnen Clara Bretheau und Liv Henneguier.

„All the Beauty and the Bloodshed“ von Laura Poitras

Die Dokumentation “All the Beauty and the Bloodshed” von Laura Poitras beschäftigt sich mit der bisexuellen Aktivistin und Fotografin Nan Goldin, ihrem Lebenswerk und ihrem Kampf gegen die Miliardärsfamilie Sackler. Deren Medikament Oxycontin gilt als Auslöser der Opioidkrise in den USA.

„Mein Wunsch ist es“, sagt Goldin, „den Menschen durch meine Fotos jene Kraft und Schönheit zu verleihen, die ich in ihnen sehe“. Der Film ist jeweils in Originalfassung heute im Stadtkino im Künstlerhaus zu sehen und am 24. Oktober im Gartenbaukino.

„Lobo E Cão“ (Wolf und Hund) von Cláudia Varejão

Der portugiesische Film “Lobo E Cão” (Wolf und Hund) der Regisseurin Cláudia Varejão spielt auf den Azoren und erzählt vom Leben einiger Jugendlicher auf der Trauminsel, darunter auch eine trotzig offene, queere Community, die unter einem stetigen Grundrauschen von tiefstem Katholizismus lebt. 

Eine der Hauptfiguren ist Luís, der sich schminkt und Frauenkleider trägt. Und der so schnell wie möglich wegwill, vielleicht sogar muss, um frei leben zu können. Vor einer blendend schönen Naturkulisse erzählt Varejão eine universelle Geschichte von Coming-of-Age und Coming-out – kurz: von Befreiung. Zu sehen ist der Film in Originalfassung mit englischen Untertiteln am 25. und 27. Oktober im Stadtkino im Künstlerhaus.

„Monica“ von Andrea Pallaoro

“Monica”, der letzte Teil von Andrea Pallaoros Trilogie über Frauenfiguren, handelt von einer trans Frau, die zum ersten Mal seit zwanzig Jahren in ihr altes Zuhause im Mittleren Westen der USA zurückkehrt, um sich um ihre sterbende Mutter zu kümmern. Dabei brechen alte Wunden auf.  

Die Hauptrolle spielt Trace Lysette, die unter anderem aus der Amazon-Prime-Serie “Transparent” bekannt ist. Pallaoro wird bei der Aufführung am 25. Oktober in der Urania anwesend sein, ein zweites Mal wird der Film am 27. Oktober im Gartenbaukino gezeigt, jeweils in der Originalfassung.

„Três Tigres Tristes“ von Gustavo Vinagre

Ebenfalls auf der Viennale ist das brasilianische Road-Movie “Três Tigres Tristes” zu sehen. In dem Film von Gustavo Vinagre geht es um drei queere Menschen aus Saõ Paulo, die sich inmitten einer Pandemie durch die Stadt treiben lassen, sich an ihre Liebhaber:innen erinnern, Erfahrungen mit HIV teilen oder über ihre Arbeit als Camboy sprechen. 

Der Film, der sich – zunehmend surreal – von Episode zu Episode treiben lässt, wurde bei der diesjährigen Berlinale als bester queerer Spielfilm mit dem Teddy Award ausgezeichnet. Zu sehen ist er am 24. und 30. Oktober im Stadtkino im Künstlerhaus, jeweils in der Originalfassung mit englischen Untertiteln.