Am 9. Juli feiert Günter Tolar seinen 85. Geburtstag. Wie es sich in Österreich für so einen Ehrentag gehört, wurde er vor kurzem mit dem Großen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet. Doch im Ruhestand ist der ehemalige Fernsehmoderator noch lange nicht.
Der Drang, Schauspieler zu werden, führte Günter Tolar nach Wien
Tolar wurde in Wels als Sohn eines Buchhalters und einer Lehrerin geboren und wuchs in Bad Wimsbach-Neydharting auf. In Linz besuchte er das humanistische Gymnasium und entdeckte früh seine Leidenschaft für die darstellenden Künste.
Nach einem abgebrochenen Lehramtsstudium für Musik, Deutsch und Geschichte begann er 1960 als Regieassistent am Wiener Volkstheater, gleichzeitig machte er eine Ausbildung als Schauspieler.
Der ORF wurde Tolars berufliche Heimat
Im Jahr 1969 holte ihn der damalige Unterhaltungschef Kuno Knöbl zum ORF, der ihm 30 Jahre lang eine berufliche Heimat als Redakteur, Regisseur, Drehbuchautor, Moderator und Sendungsverantwortlicher werden sollte. Als Moderator ist er vielen noch heute in Erinnerung: Sendungen wie „Wer 3x lügt“, „Rätselbox“ und „Made in Austria“ wurden von ihm geprägt.
Im Dezember 1992 entschied sich Günter Tolar, im Alter von 52 Jahren, sich öffentlich als schwul zu outen. Der Grund: Sein damaliger Lebensgefährte Norbert, mit dem er 15 Jahre lang zusammen gelebt hatte, hatte sich das Leben genommen, nachdem er von seiner HIV-Infektion erfahren hatte. Ein Ereignis, dass Tolar später in dem Buch „Sein Mann“ verarbeitet hat.
Sein Coming-out änderte Österreich für immer
Sein öffentliches Coming-out in der Wochenzeitung News war das erste eines Prominenten in Österreich und sorgte für Zuspruch, kontroverse Diskussionen, aber auch offene Drohungen.
Der damalige ORF-Generalintendant Gerd Bacher teilte Tolar am 25. März 1993 etwa mit, dass „die öffentliche Zurschaustellung Ihres Intimlebens … die Öffentlichkeit anwidert“ und sein Verhalten unternehmensschädigend sei. Dem Rausschmiss entging Tolar durch heftigen Widerstand des damaligen Programmchefs Ernst-Wolfram Marboe und einer deutlichen Drohung des Betriebsrats.
Unermüdlich setzte sich Günter Tolar für die Community ein
Weiters setzte Tolar als Gründer und Leiter des Vereins Positiv Leben jahrelang für HIV-Positive und Aids-Kranke ein. Für sein Engagement und seinen Einsatz wurde er 1997 mit dem Red Ribbon, dem österreichischen „Aids-Oscar“, ausgezeichnet.
Im Jahr 1999 gründete er die sozialdemokratische LGBTI-Initiative SoHo, deren erster Bundesvorsitzender er auch von 2000 bis 2007 war. Danach legte er diese Funktion nieder, in der er unermüdlich auf allen Ebenen unterwegs war, um die Anliegen sexueller Minderheiten mit hohem Maß an Fingerspitzengefühl, aber dennoch mit sanftem Druck und manchmal unkonventionellen Methoden einzufordern.
Noch immer zieht es ihn auf die Bühne
Danach widmete sich Tolar wieder verstärkt dem Schreiben und Schauspielen. Mit Programmen wie „Jüdisches zum Lachen“ oder Werner Schwabs „Der reizende Reigen“ stand er zuletzt auf den Bühnen. Auch im TV und Kino war er immer wieder zu sehen, etwa 2020 in Stefan Langthalers Kurzfilm „Fabiu“ oder dem Landkrimi „Zu neuen Ufern“.
Zentrum seines Lebens ist allerdings sein Mann Gerald, mit dem er seit 2002 zusammen ist und mit dem er 2010 eine Eingetragene Partnerschaft eingegangen ist. Das Paar lebt gemeinsam in Wien und Berndorf und teilt ihr Leben mit ihrer Hündin Nessy. „Ich widme mich immer mehr meiner Familie“, sagte Tolar vor einigen Jahren.
Auf seiner Website formuliert er seinen Grundsatz: „Ich will mich nur noch um das kümmern, was ich WILL, und nicht um das, was ich MUSS.“

