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Leopold von Andrian: Weltliteratur durch schwulen Selbsthass

Er war ein führender Diplomat im alten Österreich und als Schriftsteller eine Größe der Wiener Moderne. Doch das bestimmende Element im Leben von Leopold von Andrian war seine Homosexualität - und wie er sie versucht hat zu verleugnen.

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Für einen österreichischen Nationalisten des 19. Jahrhunderts gab es wohl nichts Schlimmeres, als in Berlin geboren zu sein. Für Leopold Freiherr von Andrian zu Werburg, einen der zentralen Vertreter der Wiener Moderne, war dies einer von drei Makeln, auf die er schon früh fixiert war.

Sein ganzes Leben lang haderte Andrian mit seiner Homosexualität

Die anderen beiden waren seine jüdische Abstammung und seine Homosexualität, von der er seit seinem 14. Lebensjahr wusste, die er aber nie öffentlich thematisierte. Trotz seiner aristokratischen Abstammung, der damit verbundenen sehr komfortablen Erziehung und seiner lebenslangen Beziehungen fühlte sich Andrian deshalb immer als Außenseiter.

In einer katholischen Schule lernte er einen Mann kennen, der sein weiteres Leben prägen sollte: Hugo von Hofmannsthal. Auch er war jüdischer Abstammung, hatte homosexuelle Neigungen und wollte Schriftsteller werden – so wie Andrian, der schon als Jugendlicher von seinem Umfeld zum Schreiben ermuntert wurde. Als er mit dreizehn Jahren wegen seiner schriftstellerischen Fähigkeiten als Wunderkind gefeiert wurde, beschloss er, dass dies seine Berufung sein sollte.

„Der Garten der Erkenntnis“ spiegelt seine innere Zerrissenheit wider

Sein bekanntestes Werk erschien 1895: „Der Garten der Erkenntnis“ spiegelt Themen der Selbstfindung und der inneren Zerrissenheit wider, die viele als Ausdruck seiner eigenen Auseinandersetzung mit seiner Homosexualität deuten. In keinem anderen Werk finden sich so deutliche homoerotische Untertöne, auch wenn er sich in seinem Werk immer wieder mit gleichgeschlechtlicher Liebe auseinandergesetzt hat.

An der Popularität von Andrians Roman, vor allem unter Schriftstellerkollegen, hatte Hofmannsthal einen nicht unerheblichen Anteil: Er setzte sich nicht nur für die Veröffentlichung des Romans ein, sondern auch dafür, dass er als Teil des österreichischen Literaturkanons angesehen wurde. Letztlich fand das Werk jedoch in den Autorenkreisen der Reichshauptstadt deutlich mehr Anerkennung als beim gemeinen Lesepublikum.

Bei Kollegen beliebt, bei Lesern nicht: Es folgt die Beamtenlaufbahn

Dies führte dazu, dass Leopold von Andrian sich dem Drängen seines Vaters doch beugte und schließlich Jus studierte. Nach seinem Abschluss 1899 folgte er dem Rat Hofmannsthals und ging zunächst zum Militär. Doch das war nicht seine Welt: Er nutzte seine familiären Kontakte, um so schnell wie möglich wieder herauszukommen.

Danach wurde er Diplomat und nutzte auch hier seine familiären Kontakte. Sein Eifer und sein unerschütterlicher Glaube an Österreichs Rolle auf der Weltbühne spielten bei seiner Entscheidung eine wichtige Rolle. Er diente in Athen, Rio de Janeiro, Buenos Aires, St. Petersburg und Bukarest. Schließlich ließ er sich als Diplomat in Polen nieder.

Während des Ersten Weltkriegs musste Andrian, der den Deutschen kritisch gegenüberstand, nach Wien zurückkehren. Sein Einfluss schwand, bis er dem diplomatischen Dienst ganz den Rücken kehrte. Hofmannsthal half ihm schließlich, seine literarische Karriere wieder aufzunehmen.

Die Verbindung zwischen Andrian und Hofmannsthal war nicht ohne Spannungen

Die Beziehung zwischen den beiden Männern war jedoch nicht reibungsfrei: Als bisexueller Mann konnte Hofmannsthal eine heterosexuelle Ehe führen, was Andrian als Ideal ansah. Denn er selbst war wohl eher schwul als bisexuell. Dennoch war für Andrian eine Beziehung wie zwischen Hofmannsthal und seiner Frau das höchste Ziel. 

Hofmannsthal förderte dies. Er meinte, wenn Andrian diszipliniert genug sei, könne er eine heterosexuelle Ehe führen. Andrian folgte diesem Rat und scheiterte – obwohl er sich letztlich nie scheiden ließ und nach dem Tod seiner Frau ein zweites Mal heiratete. Dies steigerte jedoch nur seinen ohnehin schon übergroßen Selbsthass.

Nach dem Ende der Monarchie wurde Andrian in Wien nicht mehr glücklich

Im Wien nach dem Ersten Weltkrieg wurde Leopold von Andrian nicht glücklich, obwohl er zwischen Kriegsende und Ausrufung der Republik Direktor des Burgtheaters war. Als glühender Monarchist weigerte er sich, für eine demokratische Regierung zu arbeiten. Nach nur vier Monaten trat er zurück.

Andrian widmete sich nun ganz dem Schreiben. Der regelmäßige Briefwechsel mit Hofmannsthal zeugt von einer engen und tiefen Freundschaft, die Hofmannsthal zu vielen seiner Werke inspirierte. Auch nach Hofmannsthals Tod, so Andrian, sei der Dichterfreund immer für ihn da gewesen. Sein letztes veröffentlichtes Werk war ein Essay, den er zum Gedenken an Hofmannsthal schrieb.

Im Zweiten Weltkrieg musste Andrian Österreich verlassen – er kam nie mehr zurück

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, musste Leopold von Andrian sein geliebtes Österreich verlassen. Er floh zunächst nach Nizza, dann über Spanien und Portugal nach Brasilien. Nach Kriegsende kehrte er nach Europa, aber nicht mehr nach Österreich zurück. Er starb am 19. November 1951 in Fribourg in der Schweiz.

Auch wenn Andrians Leben kein leuchtendes Beispiel ist – seine Geschichte ist es wert, erzählt zu werden. Sein Leben zeigt, wie Selbsthass und Nationalismus zu verhängnisvollen Entscheidungen führen. Und wie er in einer Freundschaft die Liebe fand, die er für sich selbst nie aufbringen konnte.

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