Michael Sollorz’ Roman „Abel und Joe“ begleitet den jungen Ostberliner Abel auf der bewegenden Suche nach seinem verschollenen Freund Joe, der aus dem katholisch geprägten Westen zugezogen ist. Vor dem Hintergrund des sich rasant verändernden Berlins der 1990er Jahre durchstreift Abel die Subkultur der Stadt – von Saunen über den Tiergarten bis hin zu Kneipen, die einst Orte der gemeinsamen Liebe waren.
Je weiter die Reise geht, umso deutlicher wird, dass es auch eine Suche nach der eigenen Vergangenheit ist
Doch je weiter die Reise geht, desto deutlicher wird, dass Abels Suche nicht nur eine körperliche ist, sondern auch eine Auseinandersetzung mit seiner eigenen Vergangenheit, seinen Wurzeln im Osten und den Hoffnungen, die er mit der Wiedervereinigung Deutschlands und seiner Beziehung zu Joe verband.
Was Sollorz in „Abel und Joe“ besonders eindrucksvoll gelingt, ist das Einfangen der widersprüchlichen Gefühle seiner Figuren und des schwulen Lebensgefühls im Berlin der 1990er Jahre. Die Stadt im Umbruch spiegelt Abels innere Zerrissenheit wider: Die Wiedervereinigung Deutschlands hatte viele Hoffnungen geweckt, aber auch Enttäuschungen hinterlassen.
Die intime Schilderung einer gescheiterten Liebe – auch nach 30 Jahren noch aktuell
Der Roman verarbeitet diese Themen in einer klaren, präzisen Sprache, die Melancholie und Verlust gleichermaßen transportiert. Die Stimmung des Buches schwankt zwischen einem melancholischen Rückblick auf eine Stadt im Wandel und der intimen Schilderung einer gescheiterten Liebe.
Die Neuauflage zum 30-jährigen Jubiläum unterstreicht die Aktualität dieser Liebesgeschichte, die auch heute noch berührt. Das Nachwort von Katja Oskamp ergänzt den Roman um einen Blick auf die Explosion schwulen Lebens nach der Wende und die Sehnsucht, die damals so viele suchten.
„Abel und Joe“ ist auch nach 30 Jahren ein beeindruckendes Werk, das die Verlorenheit der 90er Jahre auf intime und eindringliche Weise einfängt. Abels emotionale Reise durch eine Stadt im Umbruch ist nicht nur eine persönliche Geschichte, sondern auch das Porträt einer Generation, die sich nach Heimat und Zugehörigkeit sehnte.


