Im kanadischen Bundesstaat New Brunswick sieht sich eine zur Wiederwahl stehende Ministerin der Provinzregierung mit Rücktrittsforderungen konfrontiert, nachdem sie den Nationalen Tag der Wahrheit und Versöhnung dazu genutzt hatte, die Bildungspolitik für Transgender mit dem Völkermord an den indigenen Völkern Kanadas zu vergleichen.
Das Gedenken an den Völkermord an indigenen Völkern missbraucht
Der 30. September wurde von der kanadischen Regierung als Nationaler Tag der Wahrheit und Versöhnung eingeführt. Im Mittelpunkt steht das Gedenken an die Residential Schools, ein landesweites Netz von Schulen, oft in kirchlicher Trägerschaft: In ihnen wurden Kinder der First Nations, die ihren Familien entrissen wurden, gewaltsam in die europäisch-kanadische Kultur assimiliert.
Viele Kinder verloren ihre Kultur und Sprache, wurden geschlagen, sexuell missbraucht, verhungerten, erhielten keine medizinische Versorgung. Tausende Kinder starben in der Obhut der Schulen, viele wurden in anonymen Gräbern verscharrt.
Ein geschmackloser Vergleich empört Kanada
Konservative Politiker:innen in ganz Kanada, die in den letzten Jahren einen scharfen Anti-Trans-Kurs gefahren haben, nutzten die Gelegenheit, um die Politik der Trans-Inklusion im Bildungsbereich mit dem Genozid an den First Nations zu vergleichen.
So schrieb Sherry Wilson, Ministerin für Geschlechtergleichstellung in New Brunswick, in einem inzwischen gelöschten Facebook-Posting, dass die frühere Politik ihrer Provinz, die es trans Kindern erlaubte, in der Schule andere Namen oder Pronomen zu verwenden, ohne dass die Eltern informiert wurden oder ihre Zustimmung gaben, mit diesen Internatsschulen vergleichbar sei.
Anfang dieses Jahres führte New Brunswick ein Gesetz ein, das die Benachrichtigung und Zustimmung der Eltern verlangt, wenn ein Schüler einen anderen Namen oder ein anderes Geschlecht verwenden möchte.
Unterstützung für trans Jugendliche mit Völkermord verglichen
„Die damalige Regierung versuchte tatsächlich zu argumentieren, dass Eltern ihren Kindern schaden und dass öffentliche Schulen ihre Kultur und ihren Lebensstil ändern müssen“, so Wilson in ihrem Posting. „Diese schreckliche Tragödie ist ein Schandfleck in der kanadischen Geschichte, aber sie konnte nur geschehen, weil die Kinder in der Schule der Aufsicht, dem Einfluss und der Kontrolle ihrer Eltern entzogen wurden. …. So etwas darf in Kanada nie wieder passieren!“
Die Wahlen in New Brunswick finden am 21. Oktober statt und für die amtierenden progressiven Konservativen könnte es knapp werden. Wilson wurde gebeten, ihre Kandidatur zur Wiederwahl zurückzuziehen, aber sie blieb im Rennen.
Auch die Führer der indigenen Stämme sind empört
„Dass sie einen solchen Vergleich am nationalen Tag der Wahrheit und Versöhnung macht, sollte jeden New Brunswicker beschämen“, erklärten die sechs Häuptlinge der Wolastoqey Nation in einer gemeinsamen Stellungnahme.
Die Residential Schools als Argument gegen die Transgender-Schulpolitik und die Sexualerziehung im Allgemeinen zu benutzen, ist zu einem wiederkehrenden Argument der kanadischen Konservativen geworden.
Bei den Rechten gehören solche Vergleiche mittlerweile zum guten Ton
Eine andere Kandidatin der Progressiven Konservativen in New Brunswick, Faytene Grasseschi, äußerte sich im vergangenen Jahr gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Sender CBC ähnlich.
Der Vorsitzende der Konservativen Partei von British Columbia, John Rustad, verglich im vergangenen Jahr Internatsschulen mit dem LGBTQ-inklusiven Sexualkundelehrplan der Provinz. Seine Partei liegt bei den Provinzwahlen in British Columbia am 19. Oktober gleichauf mit den regierenden New Democrats.

