Der kanadischer Regisseur Bruce LaBruce, einer der bekanntesten Vertreter des Queer Cinema, präsentiert mit “The Visitor” eine radikale Neuinterpretation von Pier Paolo Pasolinis “Teorema” aus dem Jahr 1968.
Ein mysteriöser nackter Geflüchteter verführt eine Londoner Familie
Der Film erzählt die Geschichte eines mysteriösen, nackten Geflüchteten, der in einem Koffer an das Ufer der Themse gespült wird und in das Leben einer wohlhabenden Londoner Familie eindringt. Dort verführt er nacheinander alle Familienmitglieder und hinterlässt sie in einem Zustand sexueller Befreiung, jedoch tief verstört in ihrer kapitalistisch-bürgerlichen Identität.
LaBruce, bekannt für seine transgressiven Werke im Queer Cinema, kombiniert in “The Visitor” explizite Sexualität mit scharfer Gesellschaftskritik. Der Film verzichtet auf subtile Ansätze und präsentiert stattdessen eine direkte Kritik an Konservatismus, Kapitalismus, Klassenunterschieden und Ausbeutung. Durch den Einsatz von Kink und oft trashigem Humor setzt LaBruce prägnante politische Statements.
Selten war Low-Budget-Kino so visuell ansprechend
Die Inszenierung ist geprägt von stilistischen Mitteln wie Split-Screen-Verfahren, artifizieller Farbgebung, Stroboskoplicht und harten Beats, die zusammen mit dem überzogenen Schauspiel ein wildes Œuvre schaffen. LaBruce gelingt es, Low-Budget-Produktionen visuell ansprechend zu gestalten und dem Original neue, moderne Ebenen hinzuzufügen, etwa durch die Darstellung des Besuchers als schwarzen Geflüchteten.
Die expliziten sexuellen Darstellungen dienen nicht nur der Provokation, sondern auch als Mittel, um gesellschaftliche Themen wie Kolonialismus, Rassismus, die Kluft zwischen Arm und Reich sowie die Arroganz und Selbstgefälligkeit der Mächtigen zu kritisieren. LaBruce zeigt die verborgenen Lüste und Obsessionen hinter der Fassade der Manieren und enthüllt so die Primitivität und grenzenlose Lust der Charaktere.
Ein Film, der seine Zuschauer:innen herausfordert
“The Visitor” wurde erstmals als Installation während der Frieze Art Fair in London präsentiert und feierte seine Weltpremiere auf der 74. Berlinale in der Panorama-Sektion. Der Film konfrontiert das Publikum mit seinen eigenen Grenzen durch direkte und ästhetisch elektrisierende sexuelle Szenen, die zu unerwarteten synästhetischen Erlebnissen führen.
Die britische Website Cineuropa beschreibt “The Visitor” als “eine Neuerzählung von Pasolinis Meisterwerk in einer britischen, queeren Porno-Version”. Insgesamt bleibt Bruce LaBruce seiner subversiven Energie treu und präsentiert ein unklassifizierbares Werk, das die Zuschauer:innen herausfordert und zum Nachdenken anregt.


