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„Freud – Jenseits des Glaubens“: Ein intellektuelles Duell mit Tiefgang

“Freud – Jenseits des Glaubens” bringt den Psychoanalytiker Sigmund Freud und den Schriftsteller C.S. Lewis in einem fiktiven Gedankenspiel zusammen. Entstanden ist ein dichtes Kammerspiel voller philosophischer Tiefen, das auch Freuds komplexe Ansichten zur Homosexualität beleuchtet.

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Matthew Browns Film „Freud – Jenseits des Glaubens“ entführt uns ins London des Jahres 1939, wo zwei der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts aufeinandertreffen: der alternde Psychoanalytiker Sigmund Freud, grandios gespielt von Anthony Hopkins, und der aufstrebende Schriftsteller C.S. Lewis (Matthew Goode). 

In einem fiktiven, aber faszinierenden Gedankenexperiment lässt der Regisseur diese beiden Giganten über die großen Fragen des Lebens debattieren: Glaube, Wissenschaft und die menschliche Existenz.

Der Film basiert auf dem Theaterstück „Freud’s Last Session“ von Mark St. Germain und spielt in Freuds Londoner Exil kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Die historische Kulisse verleiht dem intellektuellen Schlagabtausch zusätzliche Dringlichkeit, während im Hintergrund Hitlers Stimme aus dem Radio dröhnt und Luftschutzsirenen heulen.

Starkes Schauspiel in kammerspielartiger Atmosphäre.

Anthony Hopkins brilliert als vom Krebs gezeichneter, aber geistig messerscharfer Freud. Mit einer Mischung aus Arroganz, Verzweiflung und trotziger Neugier verkörpert er den atheistischen Psychoanalytiker, der Religion als „Märchen vom Glauben“ abtut.

Matthew Goode ist als C.S. Lewis, der vom Atheisten zum überzeugten Christen wurde, ein würdiger Gegenpart. Ihr Zusammenspiel ist von subtiler Dynamik geprägt und trägt den Film über weite Strecken.

Die Inszenierung bleibt dabei zurückhaltend und konzentriert sich ganz auf die Kraft der Dialoge und die Präsenz der Schauspieler. Browns Regie lässt den beiden Protagonisten Raum, ihre Argumente zu entfalten, ohne durch übertriebene filmische Effekte abzulenken.

Der Film ist mehr als ein Kammerspiel

Um die Grenzen des Theaterstücks zu sprengen, baut Brown einige filmische Elemente ein. Rückblenden beleuchten die Vergangenheit der Protagonisten, darunter Lewis‘ traumatische Erlebnisse im Ersten Weltkrieg. Szenen außerhalb von Freuds Arbeitszimmer – etwa ein Fliegeralarm, der die Debatte in eine Kirche verlegt – sorgen für Abwechslung und historisches Kolorit.

Eine wichtige Nebenhandlung des Films ist Freuds Tochter Anna, gespielt von Liv Lisa Fries. Als angehende Kinderpsychologin kämpft sie um die berufliche und persönliche Anerkennung ihres Vaters.

Freuds Einstellung zur Homosexualität wird genau thematisiert

Die Darstellung von Freuds Einstellung zur Homosexualität dürfte für queere Zuschauer:innen besonders interessant sein. Der Film greift Freuds komplexe und oft widersprüchliche Ansichten zu diesem Thema auf. 

Einerseits wird gezeigt, dass Freud die männliche Homosexualität etwas milder beurteilte als den von ihm so genannten „Lesbianismus“. Dies spiegelt sich auch in Freuds Schriften so wider, in denen er Homosexualität zwar als Abweichung von der Norm, nicht aber als Krankheit oder Verbrechen betrachtet.

Im Film wird diese Haltung besonders deutlich, als Anna Freud ihrem Vater von ihrer Beziehung zu Dorothy Burlingham erzählt. Freuds Reaktion ist ambivalent: Er hadert mit der Entwicklung seiner Tochter, zeigt aber keine offene Ablehnung. Diese Szene illustriert nicht nur Freuds persönliches Ringen mit dem Thema, sondern auch die gesellschaftlichen Normen der Zeit.

Wichtig ist zu betonen, dass Freuds Ansichten zur Homosexualität, wie im Film dargestellt, heute überholt und problematisch erscheinen. Der Film bietet jedoch die Möglichkeit, über die historische Entwicklung des Verständnisses von sexueller Orientierung und Identität nachzudenken.

Der Film ist eine kritische Wüdigung des Vaters der Psychoanalyse

„Freud – Jenseits des Glaubens“ ist ein ambitionierter Film, der es wagt, komplexe philosophische und psychologische Themen auf die Leinwand zu bringen. Die Stärke des Films liegt zweifellos in den brillanten Darstellungen von Hopkins und Goode sowie in der Tiefe der behandelten Themen.

Dennoch kann sich der Film nie ganz von seinen theatralischen Wurzeln lösen. Trotz Browns Bemühungen, die Handlung aufzulockern, bleibt „Freud – Jenseits des Glaubens“ in erster Linie ein Gedankenaustausch. Für Zuschauer:innen, die an intellektuellen Debatten interessiert sind, bietet der Film reichlich Stoff zum Nachdenken. Wer hingegen auf Action oder dramatische Wendungen hofft, dürfte enttäuscht werden.

Besonders hervorzuheben ist die Art und Weise, wie der Film die Gesprächskultur zwischen Freud und Lewis darstellt. Trotz ihrer grundverschiedenen Weltanschauungen begegnen sie einander mit Respekt und Offenheit. In Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung kann dies als wertvolle Lektion für die Gegenwart verstanden werden.

Ein anspruchsvoller, aber lohnender Film

„Freud – Jenseits des Glaubens“ ist ein anspruchsvoller, aber lohnender Film, dem es gelingt, tiefgründige Themen zugänglich zu machen. Die hervorragenden schauspielerischen Leistungen und die kluge Regie machen ihn zu einem sehenswerten Beitrag zum intellektuellen Kino.

Auch wenn der Film nicht alle Erwartungen erfüllt, bietet er doch die seltene Gelegenheit, zwei der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts in einem faszinierenden Gedankenexperiment zu erleben.

Für queere Zuschauer:innen bietet der Film zudem einen interessanten, wenn auch kritisch zu betrachtenden Einblick in Freuds Haltung zur Homosexualität. Er regt zum Nachdenken über die historische Entwicklung von Einstellungen zur sexuellen Orientierung an und zeigt, wie weit wir in diesem Bereich gekommen sind – und wie weit wir noch gehen müssen.

Mehr Informationen
Freud – Jenseits des Glaubens
Großbritannien, Irland, USA 2023 | Drama | 108 Minuten
Regie: Matt Brown | Besetzung: Anthony Hopkins, Liv Lisa Fries, Matthew Goode, Jodi Balfour, Orla Brady

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