Alice Nkom, bekannt für ihren Einsatz für die Rechte der LGBTI-Community und Vorsitzende des Netzwerks der Menschenrechtsverteidiger in Zentralafrika (Réseau des Défenseurs des Droits de l’Homme en Afrique Centrale – Redhac), ist erneut zur Zielscheibe der kamerunischen Justiz geworden.
Teilnahme an einer Veranstaltung in München als Vorwand
Hintergrund der Anschuldigungen ist ihre Teilnahme an einem Forum über Frieden und politische Transition, das vor fünf Jahren von der kamerunischen Diaspora in München organisiert wurde. Die Vorwürfe wurden von der NGO „Observatoire du développement sociétal“ (ODS) erhoben, die von Kritikern als regierungsnah eingestuft wird.
Zwei weitere Anwälte, Kah Walla und Emmanuel Simh, die ebenfalls am Münchner Forum teilnahmen, wiesen die Vorwürfe gegen Nkom scharf zurück. In einem offenen Brief an den Militärstaatsanwalt in Yaoundé bezeichneten sie die Vorwürfe als „absurd und unbegründet“.
„Diese Vorladung dient offensichtlich der Einschüchterung“, sagte Walla in einem Interview. „Wenn der Staatsanwalt meint, Alice Nkom befragen zu müssen, dann sollte er auch uns anhören, denn wir waren auch dabei.“ Die Anwälte sehen in den Maßnahmen einen gezielten Versuch, Nkom und die Zivilgesellschaft im Wahljahr 2025 zum Schweigen zu bringen.
Amnesty International fordert Ende der Einschüchterungen
Auch Amnesty International hat die kamerunischen Behörden aufgefordert, die Vorladungen und die systematische Verfolgung von Alice Nkom und anderen Menschenrechtsverteidigern zu beenden.
Marceau Sivieude, Regionaldirektor für West- und Zentralafrika, kritisierte, dass der Justizapparat als Instrument zur Unterdrückung von Aktivisten missbraucht werde. „Diese Art der Unterdrückung zeigt eine eklatante Missachtung der Menschenrechte durch die Regierung“, erklärte Sivieude in einer offiziellen Stellungnahme.
Amnesty wies zudem darauf hin, dass Redhac und drei weitere zivilgesellschaftliche Organisationen im Dezember 2024 von den Behörden vorübergehend geschlossen wurden. Als Gründe wurden angeblich fehlende Genehmigungen und finanzielle Unregelmäßigkeiten genannt, Vorwürfe, die die betroffenen Organisationen vehement bestreiten.
LGBTI-Rechte und autoritäre Strukturen in Kamerun
Alice Nkom ist die einzige Anwältin in Kamerun, die sich aktiv für die Rechte der LGBTI-Community einsetzt. In einem Land, in dem gleichgeschlechtliche Beziehungen mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden, ist ihr Engagement mit erheblichen Risiken verbunden. Homosexuelle sind häufig Diskriminierung, Gewalt und sozialer Ächtung ausgesetzt. Justiz und Polizei kriminalisieren queere Menschen oft willkürlich.
Gleichzeitig steht Kamerun wegen systematischer Menschenrechtsverletzungen international in der Kritik. Präsident Paul Biya, der das Land seit 1982 regiert, führt eine Regierung, die von Korruption, Autoritarismus und Polizeiwillkür geprägt ist. Meinungs- und Versammlungsfreiheit sind stark eingeschränkt, insbesondere vor den Präsidentschaftswahlen im Oktober 2025.

