HomeMagazinQueer IconsChevalier d'Éon: Eine faszinierende Figur der Geschlechtervielfalt im 18. Jahrhundert

Chevalier d’Éon: Eine faszinierende Figur der Geschlechtervielfalt im 18. Jahrhundert

Als Diplomat, Soldat, Spion und Intellektueller lebte Chevalier d'Éon ein Leben, das die Grenzen der Geschlechterrollen seiner Zeit sprengte und bis heute Historiker und Geschlechterforscher fasziniert.

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Geboren am 5. Oktober 1728 im französischen Tonnerre stammte Charles-Geneviève-Louis-Auguste-André-Timothée d’Éon de Beaumont, besser bekannt als Chevalier d’Éon, aus einer verarmten Adelsfamilie. 

Trotz dieser eher bescheidener Herkunft gelang es d’Éon, eine beeindruckende Karriere aufzubauen. Nach einem Jus-Studium wurde d’Éon 1748 Anwalt am Pariser Parlament und Zensor für Literatur und Geschichte.

Diplomat, Spion, Soldat, Intellektueller

Der politische Aufstieg d’Éons begann mit diplomatischen und militärischen Aufträgen. 1756 wurde d’Éon als Teil des geheimen Spionagenetzwerks „Le Secret du Roi“ nach St. Petersburg entsandt. 

Hier zeigte sich bereits d’Éons außergewöhnliche Fähigkeit zur Anpassung und Täuschung: Um Zugang zum Hof der Zarin Elisabeth zu erhalten, präsentierte sich d’Éon erfolgreich als Frau.

Militärische Laufbahn und diplomatische Missionen

Nach der Rückkehr aus Russland diente d’Éon in der französischen Armee und kämpfte im Siebenjährigen Krieg. Als Dragoner-Hauptmann unter Marschall de Broglie wurde d’Éon verwundet und für seine Tapferkeit ausgezeichnet. 

1762 wurde d’Éon nach London entsandt, um an den Friedensverhandlungen teilzunehmen, die den Siebenjährigen Krieg beendeten. Für diese Verdienste wurde d’Éon zum Chevalier (Ritter) ernannt und in den prestigeträchtigen Ordre royal et militaire de Saint-Louis aufgenommen.

Das Leben als Frau war eine öffentliche Sensation

Doch anstatt nach Frankreich zurückzukehren, blieb d’Éon in England und lebte dort zunächst als Mann, während sich Gerüchte um ihre wahre Geschlechtsidentität immer mehr verdichteten. Zu dieser Zeit begann d’Éon, zumindest zeitweise als Frau zu leben.

Die Gründe dafür sind nicht ganz eindeutig. Einige Historiker vermuten, dass es sich um eine Taktik handelte, um einer Auslieferung nach Frankreich zu entgehen, andere sehen darin einen Ausdruck von d’Éons wahrer Geschlechtsidentität.

In London gab es Wetten auf das Geschlecht von d’Éon

Diese öffentliche Transformation machte d’Éon zu einer Sensation. In London wurden sogar Wetten auf d’Éons „wahres“ Geschlecht abgeschlossen, und d’Éon konnte zeitweise nicht ohne bewaffneten Schutz das Haus verlassen, da die Öffentlichkeit versuchte, d’Éons Kleider zu zerreißen, um die Wahrheit zu erfahren.

Im Jahr 1777 kam es zu einer bemerkenswerten Wendung: D’Éon kehrte nach Frankreich zurück, allerdings nur unter der Bedingung, dass die französische Regierung und König Ludwig XVI. offiziell anerkannten, dass d’Éon eine Frau sei.

Der französische König stimmte zu, bestand aber darauf, dass d’Éon fortan immer als Frau leben müsse und nie wieder männliche Kleidung tragen dürfe.

Die späten Jahre und das Vermächtnis

Nach der Französischen Revolution verlor d’Éon die königliche Pension und war gezwungen, den Lebensunterhalt durch öffentliche Fechtvorführungen in Frauenkleidern zu bestreiten. Diese Auftritte machten d’Éon noch populärer, da es zu dieser Zeit äußerst ungewöhnlich war, eine Frau fechten zu sehen.

Trotz des Ruhms lebte d’Éon die letzten Jahre in Armut. Am 21. Mai 1810 starb d’Éon im Alter von 81 Jahren in London. Eine postmortale Untersuchung ergab, dass d’Éon männliche Genitalien besaß, was jahrzehntelange Spekulationen beendete, aber wenig über d’Éons Geschlechtsidentität im modernen Sinne aussagt.

Die Bedeutung des Chevalier d’Éon für die queere Geschichte

Der Chevalier d’Éon gilt heute als eine der ersten bekannten transgender oder geschlechtsnichtkonformen Personen der modernen europäischen Geschichte. D’Éons Leben zeigt, dass Geschlechtsidentität und -ausdruck schon vor Jahrhunderten komplexer waren, als oft angenommen wird.

D’Éons Fähigkeit, sowohl als Mann als auch als Frau erfolgreich zu leben und zu arbeiten, forderte die starren Geschlechternormen des 18. Jahrhunderts heraus. Bemerkenswert ist auch, dass d’Éon trotz der strengen gesellschaftlichen Konventionen der Zeit oft respektiert und sogar gefeiert wurde.

Der Fall des Chevalier d’Éon bleibt faszinierend. War d’Éon transgender, genderfluid oder wurden die Geschlechterrollen strategisch genutzt? Unabhängig davon, wie wir d’Éon heute einordnen würden, steht fest: Der Chevalier d’Éon war eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die die Grenzen von Geschlecht, Identität und gesellschaftlichen Normen auf einzigartige Weise herausforderte und erweiterte.

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