HomeMedienBuchDie verdrängte Geschichte lesbischer Frauen im NS-Regime

Die verdrängte Geschichte lesbischer Frauen im NS-Regime

Das Buch Verbotene Beziehungen von Natascha Bobrowsky beleuchtet erstmals ausführlich die Verfolgung homosexueller Frauen im nationalsozialistischen Österreich. Anhand von Gerichtsakten und persönlichen Schicksalen zeigt es, wie Frauen wegen ihrer Liebe bestraft wurden.

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Wien, im Frühling 1942: Maria Kerschbaumer und Elisabeth Langer treffen sich an einem Montagmorgen im Kaufhaus Stafa auf der Mariahilfer Straße. Maria trägt zur Erkennung einen blau-weinroten Mantel. Die beiden Frauen haben sich über eine Zeitungsanzeige kennengelernt – Elisabeth suchte in der Illustrierten Wochenschau eine Freundin für gemeinsame Theater- und Kinobesuche. Schon bald verbindet sie mehr als nur kulturelles Interesse.

Ihr gemeinsames Glück währt nicht lange

Ihr Glück währt nicht lange. Im April 1942 durchsucht die Polizei Elisabeths Wohnung und findet mehrere Briefe von Maria. Die Worte der Zuneigung werden ihnen zum Verhängnis. Vor Gericht dienen sie als Beweismittel für die Anklage nach § 129 Ib des Strafgesetzes, der gleichgeschlechtliche Intimität auch unter Frauen kriminalisiert.

Bei ihrer Verhandlung versuchen sich die beiden zu verteidigen. Sie bestreiten, homosexuell zu sein, und beteuern, dass ihre Beziehung nur freundschaftlich gewesen sei. Doch das Gericht können sie nicht überzeugen. Obwohl ihnen eine viel härtere Strafe droht, wird das Urteil nach einer Berufung auf zwei bzw. drei Monate „schweren Kerkers“ reduziert. Damit gehören sie zu den Frauen, die in der NS-Zeit für ihre Liebe verurteilt wurden – ein Schicksal, das vielen Betroffenen drohte.

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Johanna P.: Verraten und deportiert

Klagenfurt, 1942: Die 18-jährige Johanna P. liegt im Spitalschlafsaal, als sie Edeltraut G. kennenlernt. Die beiden jungen Frauen fühlen sich sofort zueinander hingezogen. Sie verbringen viel Zeit miteinander, teilen Geheimnisse, Hoffnungen – und schließlich auch körperliche Nähe. Doch in ihrem engen Umfeld bleibt ihre Beziehung nicht unbemerkt. Die anderen Patientinnen im Schlafsaal beobachten die beiden und melden ihr Verhalten als „Schweinerei“ an den Primararzt.

Was für Johanna Liebe bedeutet, wird von der Gesellschaft als Verbrechen betrachtet. Der Arzt informiert die Polizei, und wenige Tage vor Weihnachten beginnt eine offizielle Ermittlung. Johanna wird festgenommen, verhört und verurteilt. Zunächst kommt sie für ein Jahr ins Frauenzuchthaus Aichach in Bayern, doch das ist nur der Anfang ihres Leidenswegs. Danach wird sie in das Konzentrationslager Ravensbrück überstellt – ein Ort des Grauens für Tausende Frauen. Später verlegen die Nazis sie nach Mauthausen, wo sie in einer Nähwerkstatt arbeiten muss.

Dann verliert sich ihre Spur. Ihre Dokumente vermerken kein offizielles Todesdatum. Hat sie überlebt? Wurde sie kurz vor der Befreiung ermordet? Oder gelang es ihr, in das Nachkriegsösterreich zurückzukehren? Ihre Geschichte bleibt unvollständig – wie die so vieler anderer Frauen, die unter dem NS-Regime litten.

Gesellschaftliche Ächtung als „asozial“

Während homosexuelle Männer im nationalsozialistischen Deutschland unter § 175 fielen und oft mit dem rosa Winkel in KZs gekennzeichnet wurden, gab es für Frauen keine spezifische Regelung. Viele wurden als „asozial“ stigmatisiert und erhielten im Lager das schwarze Dreieck. Andere verloren ihre Arbeitsplätze, wurden von ihren Familien verstoßen oder landeten in psychiatrischen Einrichtungen.

Besonders gefährlich war die Denunziation durch das eigene Umfeld. Mütter zeigten ihre Töchter an, weil sie „verbotene Beziehungen“ führten. Nachbarn meldeten „auffällige“ Frauen, weil sie sich nicht für Männer interessierten. In vielen Fällen reichten schon vage Verdachtsmomente, um eine Frau ins Visier der Polizei zu bringen.

Von der eigenen Mutter an die Polizei verraten

Ein Beispiel ist der Fall von Johanna D., einer Lehrmädchen in Graz. Ihre Mutter beobachtete, wie sie immer wieder mit der älteren Erna L. zusammen war. Die beiden tauschten Geschenke aus – rote Rosen, einen Brillantring. Bei einer Übernachtung sagte Erna zu Johanna: „Wäre ich ein Mann, ich würde dich heiraten.“ Doch Erna war verheiratet – mit einem Mann. Als dieser von der Beziehung erfuhr, brach er in Tränen aus.

Johannas Mutter warnte ihre Tochter, dass sie mit einer „verbotenen Beziehung“ ihr Leben ruinieren würde. Doch als Johanna sich weiter mit Erna traf, ging die Mutter zur Polizei. Es folgte ein Gerichtsverfahren, in dem Erna schließlich zu drei Monaten Arrest verurteilt wurde. Johanna entkam knapp – doch das Stigma blieb.

Das Ringen um Anerkennung

Nach 1945 wurde die Verfolgung nicht einfach beendet. Der § 129 Ib blieb in Österreich bis 1971 in Kraft, und viele Frauen lebten weiterhin in Angst. Eine offizielle Anerkennung als Opfer des NS-Regimes erhielten homosexuelle Menschen erst 2005.

Die Forschung konzentrierte sich lange auf die Verfolgung schwuler Männer. Dass auch Frauen inhaftiert, verurteilt oder deportiert wurden, blieb weitgehend unbeachtet. Historiker argumentierten oft, dass lesbische Frauen nicht systematisch verfolgt wurden, da es keine spezifische Gesetzgebung gegen sie gab. Doch „Verbotene Beziehungen“ zeigt, dass Verfolgung auch ohne direkte Strafgesetze möglich war – durch gesellschaftliche Ächtung, Denunziation und den Missbrauch bestehender Gesetze.

Ein neues Kapitel in der Forschung

Mit ihrem Buch schließt Natascha Bobrowsky eine Lücke in der Geschichtsschreibung. Sie hat rund 80 Gerichtsakten von 150 Frauen untersucht, die wegen „Unzucht wider die Natur“ vor Gericht standen. Dabei rekonstruiert sie nicht nur ihre Prozesse, sondern auch ihre Lebensrealitäten: Wo und wie lernten sich Frauen kennen? Wie hielten sie ihre Beziehungen geheim? Welche Strafen erwarteten sie?

Besonders wichtig ist Bobrowsky, dass die Geschichten der Frauen nicht nur aus der Perspektive der Strafakten erzählt werden. Sie hinterfragt die patriarchalen Narrative der damaligen Zeit, die sexuelle Autonomie von Frauen leugneten und lesbische Identitäten unsichtbar machten.

Ihr Buch ist damit nicht nur eine historische Aufarbeitung, sondern auch ein Plädoyer für eine queere Erinnerungskultur. Die Geschichten, die so lange im Verborgenen lagen, werden endlich gehört.

Buchtipp
VerboteneBeziehungen Cover
Natascha Bobrowsky
Verbotene Beziehungen – Weibliche Homosexualität im nationalsozialistischen Österreich
Sachbuch | 232 Seiten | Mandelbaum Verlag
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