Nach zwei Jahren im Gefängnis kehrt der 18-jährige Wellington (João Pedro Mariano) ins pulsierende São Paulo zurück. Doch seine Familie wendet sich von ihm ab, und auf sich allein gestellt landet er auf der Straße. Dort trifft er auf den erfahrenen Escort Ronaldo (Ricardo Teodoro), der ihn in die Welt der Prostitution einführt. Zwischen den beiden entwickelt sich eine komplexe Beziehung zwischen Fürsorge und Abhängigkeit.
Eine Ästhetik zwischen Dokumentation und Poesie
Regisseur Marcelo Caetano thematisiert mit „Baby“ queere Identität, soziale Ausgrenzung und die Bedeutung selbst gewählter Familienstrukturen. Das Drama beleuchtet den prekären Alltag junger Menschen, die in einer von Ungleichheit geprägten Gesellschaft ums Überleben kämpfen.
Caetano verbindet eine dokumentarische Bildsprache mit poetischen Momenten. Viele Straßenszenen wurden mit versteckter Kamera gefilmt, um die raue, urbane Atmosphäre São Paulos authentisch einzufangen. Gleichzeitig schafft er emotionale Leichtigkeit durch intime Dialoge und dynamische Tanzsequenzen – etwa aus der Voguing-Szene.
Der Film bedient sich bekannter Motive wie „Jugendgefängnis“ oder „älterer Mentor“, vermeidet aber stereotype Darstellungen. Statt Opfer- oder Täterrollen zu reproduzieren, zeichnet Caetano seine Figuren vielschichtig und ambivalent.
Die starken Leistungen der Hauptdarsteller überzeugen
João Pedro Mariano gibt in der Hauptrolle des Wellington alias „Baby“ ein beeindruckendes Debüt. Er verkörpert die Mischung aus Naivität und Widerstand mit großer Intensität. Ricardo Teodoro brilliert als ambivalenter Ronaldo – eine Leistung, die ihm in Cannes den Louis Roederer Foundation Rising Star Award einbrachte.
Auch die Nebenrollen tragen zur Authentizität des Films bei. Ana Flavia Cavalcanti überzeugt als Priscila, eine Freundin aus der Queer-Community, die Wellington unterstützt. Caetanos Erfahrung als Casting Director zeigt sich in der sorgfältigen Besetzung, die die emotionale Tiefe des Films verstärkt.
„Baby“ bietet eine zärtliche Melancholie
„Baby“ reflektiert die sozialen Spannungen in Brasilien, insbesondere unter der Regierung Bolsonaro. Polizeigewalt gegen Randgruppen wird im Film thematisiert, ohne plakativ zu wirken.
Besonders beachtenswert sind die zärtliche Melancholie des Films, der die universelle Suche nach Zugehörigkeit behandelt. Nicht optimal gelöst sind jedoch die lose Erzählstruktur und das Fragmentarische der Handlung.
„Baby“ ist so das beeindruckende Porträt eines jungen Mannes auf der Suche nach Identität und Halt. Caetano verbindet Sozialdrama mit intimen Momenten, zeigt queere Lebensfreude ebenso wie die Härte des Überlebens. Trotz einiger erzählerischer Schwächen überzeugt der Film durch eine starke Bildsprache und berührende Charaktere.


