HomeMagazinFilmtippFotografie als Rebellion: Der intime Blick von Libuše Jarcovjáková

Fotografie als Rebellion: Der intime Blick von Libuše Jarcovjáková

Ein meisterhaft gestalteter Dokumentarfilm, der durch seine einzigartige Präsentation und die kraftvolle Geschichte der Protagonistin beeindruckt. Ein Film, der lange nachhallt und vollkommen zurecht als „heimliche Star der Viennale“ bezeichnet wurde.

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Klára Tasovskás Film „Noch bin ich nicht, wer ich sein möchte“ ist weit mehr als eine bloße Dokumentation über das Leben der tschechischen Fotografin Libuše Jarcovjáková. Es ist ein intimer, poetischer Essay, der sich aus zehntausenden von Negativen und Tagebuchseiten zusammensetzt und eine bewegende Reise in die Freiheit über sechs Jahrzehnte hinweg zeichnet.

Von der repressiven Tschechoslowakei über Tokio ins heutige Prag

Der Film begleitet sie von der repressiven Tschechoslowakei der späten 1960er Jahre über das Ost-Berlin der 80er bis ins Prag nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und in die Gegenwart. Ihre Fotografien dokumentieren das Leben in den Straßen Prags, die nächtliche Atmosphäre in den Beiseln, die Arbeit in einer Druckerei und die Communities von Roma und vietnamesischen Migrant:innen. Besonders bemerkenswert sind ihre Aufnahmen aus dem T-klub, einem Treffpunkt der queeren Szene vor 1989.

Als sie wegen Fotos aus einem Schwulenclub Probleme mit der Polizei bekommt, geht Libuše eine Scheinehe ein und zieht nach Berlin. Doch auch die neue Welt ist voller Hindernisse. Mit ihrem letzten Geld fliegt sie nach Tokio, wo ihr der Durchbruch als Modefotografin gelingt. Aber das ist nicht das Leben, das Libuše leben will. Sie kehrt erst nach Berlin und später nach Prag zurück.

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Jarcovjáková selbst zeigt sich heute erstaunt darüber, wie sie es geschafft hat, fast alles, was um sie herum und in ihr geschehen ist, zu dokumentieren. Sie versucht, eine gewisse Distanz zu wahren und den Film als eine Art biografische Fiktion zu betrachten, was ihr jedoch nur bis zu einem gewissen Grad gelingt.

Aus statischen Bildern entsteht eine dynamische Erzählung

Der Film ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie man aus statischen Bildern eine dynamische und fesselnde Erzählung formen kann. Statt klassischer Interviewsequenzen oder Spielszenen montiert Klára Tasovská den Film ausschließlich aus Jarcovjákovás Fotografien und Tagebucheinträgen. 

Diese Herangehensweise, die zunächst durch die COVID-19-Pandemie beeinflusst wurde, erweist sich als genialer Schachzug. „Es wurde schnell klar, dass wir eine intime, persönliche, authentische und kraftvolle Geschichte erzählen könnten, indem wir diese tausenden Fotos und Einblicke in Libušes Leben miteinander verweben – eine Geschichte exklusiv erzählt durch die dynamische Montage statischer Fotografien“, erklärt Tasovská.

Diese Kombination aus statischen und rhythmisch arrangierten Fotografien, die oft Sequenzen in bestimmten Situationen zeigen, erzeugt eine einzigartige Dynamik. Die Zuschauer:innen werden so in Jarcovjákovás Welt hineingezogen und erleben ihre Suche nach Identität und Freiheit hautnah mit.

Ergänzt werden die Bilder durch Tagebuchtexte und eine komplexe Tonmontage

Die Tagebuchtexte, die als Erzählstimme dienen, ergänzen die visuellen Eindrücke auf berührende Weise. Tasovská vergleicht die Fotos mit einem „visuellen Tagebuch“, das sie und ihr Team im Schneideraum zu fünf Hauptkapiteln arrangiert haben, wobei sie nach Zusammenhängen und Kontrasten suchten.

Ein wesentlicher Bestandteil des Films ist der charakteristische Rhythmus der Erzählung. In Zusammenarbeit mit dem Cutter Alexander Kashcheev und den Komponisten Oliver Torr, Prokop Korb und Adam Matej schuf Tasovská „fragmentierte Bewegungen“ aus den starren Fotografien, die die Vorstellungskraft der Zuschauer:innen anregen.

Die vielschichtige und komplexe Tonmontage, die Kashcheev vornahm, erweckt die stillen Bilder zum Leben. Die Musik, die von minimalistischen, lyrischen Räumen bis zu gegenwärtiger Tanz- und Clubmusik reicht, bildet einen erfrischenden Kontrast zu den hauptsächlich schwarz-weißen Archivfotografien und unterstreicht die verschiedenen Stimmungen des Films.

Ein außergewöhnlicher Film, der nicht nur Kritiker:innen begeistert

„Noch bin ich nicht, wer ich sein möchte“ ist nicht nur ein Film über eine außergewöhnliche Künstlerin, sondern auch über universelle Themen wie Identität, Freiheit und die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt. Jarcovjákovás Fähigkeit, Probleme von Frauen ehrlich und offen anzusprechen, macht sie zu einer idealen Protagonistin, deren Geschichte eine Vielzahl persönlicher Konflikte miteinschließt, die bis heute relevant sind.

Bei der Viennale 2024 hat „Noch bin ich nicht, wer ich sein möchte“ den Erste Bank Filmpreis gewonnen, für den Standard war es sogar „der heimliche Star der Viennale“. Der Film hat auch als bester Dokumentarfilm den Preis der tschechischen Filmkritiker gewonnen.

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NochBinIchNichtCover Salzgeber
Noch bin ich nicht, wer ich sein möchte
Tschechien/Slowakei/Österreich 2024 | Dokumentation | OmU | 90 Minuten
Regie: Klára Tasovská | Schnitt: Alexander Kashcheev | Besetzung: Libuše Jarcovjáková

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