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Adele Spitzeder: Die Frau, die München betrog – und offen Frauen liebte

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Adele Spitzeder wurde am 9. Februar 1832 in Berlin geboren. Ihr Vater Josef Spitzeder war ein bekannter Opernsänger, ihre Mutter ebenfalls Künstlerin. Adele wuchs in einem kulturell geprägten Umfeld auf und entschied sich früh für eine Karriere als Schauspielerin. Sie trat an verschiedenen Bühnen in Deutschland und Österreich auf, konnte sich aber nicht dauerhaft etablieren.

Ihr Talent war unbestritten, aber ihr exzentrischer Lebensstil und ihr Mangel an finanziellen Mitteln standen ihr im Weg. Im Jahr 1868 kehrte sie mittellos nach München zurück. Ohne festes Engagement suchte sie nach neuen Einnahmequellen – und fand sie in der Finanzwelt. Mit einem dubiosen Geschäftsmodell warb sie um Investoren und legte damit den Grundstein für einen der größten Finanzskandale des 19. Jahrhunderts.

Die „Dachauer Bank“ als eines der ersten Schneeballsysteme

So gründete Spitzeder im Jahr 1869 in der Dachauer Straße in München eine Privatbank, die später als „Dachauer Bank“ bekannt wurde. Sie versprach ihren Anlegern außergewöhnlich hohe Zinsen von bis zu 10 Prozent pro Monat – ein Konzept, das später als Schneeballsystem weltweit berüchtigt wurde. Die ersten Anleger erhielten tatsächlich ihre Renditen, allerdings nicht aus Gewinnen, sondern aus den Einlagen neuer Kunden.

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Das System funktionierte zunächst hervorragend. Tausende Menschen, vom wohlhabenden Bürger bis zum einfachen Arbeiter, vertrauten Spitzeder ihre Ersparnisse an. Ihr Charisma und ihr Gespür für überzeugende Versprechen machten sie zur wohl einflussreichsten Finanzgestalt der Stadt. Innerhalb weniger Jahre sammelte sie insgesamt 38 Millionen Gulden ein – eine Summe, die heute rund 400 Millionen Euro entsprechen würde.

Doch Spitzeder nutzte das Geld nicht nur für Zinszahlungen. Sie lebte in Luxus, kaufte sich eine prächtige Villa und umgab sich mit einer treuen Gefolgschaft. Ihr exzentrischer Lebensstil wurde zum Stadtgespräch, während ihre Bank immer mehr Einlagen verwaltete.

Schließlich kam es zum großen Zusammenbruch

Wie jedes Schneeballsystem war auch Spitzeders Bank zum Scheitern verurteilt. Im Jahr 1872 geriet sie unter Druck, als immer mehr Anleger ihr Geld zurückforderten. Da die Bank keine wirklichen Gewinne machte, brach das System zusammen. Über 32.000 Anleger verloren ihr Erspartes. Der Skandal erschütterte München und wurde in ganz Deutschland diskutiert.

Die Behörden griffen ein. Spitzeder wurde verhaftet und des Betrugs angeklagt. Der Prozess erregte nicht nur wegen des enormen finanziellen Schadens, sondern auch wegen Spitzeders Auftreten große öffentliche Aufmerksamkeit. Sie verteidigte sich selbstbewusst und zeigte keinerlei Reue. Dennoch wurde sie zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. In der Haft schrieb sie ihre Memoiren, die 1878 veröffentlicht wurden.

Adele Spitzeder lebte offen lesbisch – in einer Zeit, in der es verpönt war

Was Spitzeder von anderen Hochstaplerinnen unterschied, war nicht nur ihr Finanzgeschick, sondern auch ihre Offenheit in Liebesdingen. In einer Zeit, in der Homosexualität als gesellschaftliches Tabu galt, lebte sie ihre Beziehungen zu Frauen ohne Rücksicht auf Konventionen.

Besonders bekannt ist ihre Partnerschaft mit Emilie Stier, mit der sie zusammen die „Dachauer Bank“ leitete. Doch auch außerhalb dieser Beziehung soll sie zahlreiche wechselnde Geliebte gehabt haben. Zeitgenossen beschrieben, wie sie sich gerne mit jungen Frauen umgab und diese großzügig mit Geschenken bedachte.

Während ihres Prozesses wurde ihre Homosexualität zum Gesprächsthema. Kritiker sahen darin einen weiteren Ausdruck ihrer „moralischen Verkommenheit“. Ihre letzte Partnerin distanzierte sich öffentlich von ihr und sagte gegen sie aus – ein Verrat, der Spitzeder hart traf. In ihren Memoiren, die sie nach ihrer Haftentlassung schrieb, verschwieg sie ihre Liebesbeziehungen komplett. 

Die Hochstaplerin nahm ein trauriges Ende

Nach ihrer Haftentlassung versuchte Spitzeder, sich als Volkssängerin und Schriftstellerin eine neue Existenz aufzubauen. Doch die Gesellschaft hatte sie längst ausgeschlossen. Weder als Künstlerin noch als Geschäftsfrau konnte sie an frühere Zeiten anknüpfen.

Am 27. Oktober 1895 starb sie verarmt in München. Ihre Familie schien sich ihrer über den Tod hinaus zu schämen – auf ihrem Grabstein auf dem Münchner Südfriedhof steht der Name „Adele Schmid“. Damit sollte ihre Identität nachträglich ausgelöscht werden – was bis heute nicht gelungen ist.

Heute ist Adele Spitzeder eine faszinierende Figur der Geschichte. Ihr Name steht für einen der ersten großen Finanzskandale der Neuzeit, aber auch für eine Frau, die gesellschaftliche Normen herausforderte – mit Mut, Skrupellosigkeit und tragischen Folgen.

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