Corny Littmann, queerer Aktivist, Miteigentümer von Schmidts Tivoli und ehemaliger Präsident des FC St. Pauli, hat in einem neuen Gespräch in der Podcast-Reihe Millerntalk des Hamburger Abendblatts unter anderem über Homophobie im Fußball gesprochen – und eine enttäuschende Bilanz gezogen.
Homophobie gebe es „noch in erschreckend hoher Anzahl in Deutschland“, betonte der 72-Jährige. Diese spiegle sich zwangsläufig auch in den Vereinen, Mannschaften und Spielern wider. „Alle sind ein Spiegel der Gesellschaft“, so Littmann.
Littmann sieht keine Chance auf baldiges Coming-out
Littmann war für den fast einstündigen Podcast aus Salvador in Brasilien zugeschaltet, wo er einen Teil des Jahres verbringt und das schwule Gästehaus „Villa Encantada“ betreibt. Im Gespräch ging es um seine Zeit als Präsident des FC St. Pauli, sportliche Entwicklungen und gesellschaftspolitische Themen. Dabei äußerte er auch Sorgen über die globale politische Lage.
Ein zentrales Thema war die Frage, ob sich bald ein aktiver Spieler der ersten oder zweiten Bundesliga outen könnte. Littmanns Antwort: „Nein, das wird nicht passieren. (…) Es wird nicht passieren, und ich kann es auch keinem empfehlen.“
Die Folgen eines Coming-outs für einen Fußballprofi
Der Grund sei die Stigmatisierung, die einem einzelnen geouteten Spieler folgen würde: „Dem wird im Laufe seiner Karriere und wahrscheinlich darüber hinaus immer das Etikett [anhaften], das ist der schwule Spieler. (…) Das ist eine solche Belastung, die kann ich niemandem empfehlen.“
Auch die wirtschaftlichen Konsequenzen könnten gravierend sein. Da Fußballer nur eine begrenzte Karrierezeit hätten, sei es riskant, sich in einem Umfeld zu outen, das nicht überall offen für queere Spieler sei.
Ungewisse Reaktionen bei Vereinswechseln
Littmann erläuterte, dass ein Coming-out möglicherweise in einem Verein wie St. Pauli positiv aufgenommen würde. Doch der Wechsel in ein anderes Team könnte problematisch sein: „Der Spieler weiß nicht, in welche Umgebung er später wechselt, welche Einstellungen zu einem schwulen Spieler Präsidium, Sportvorstand oder Trainer haben.“
Zusätzlich verwies er auf kulturelle Unterschiede innerhalb der Mannschaften. Spieler aus bestimmten Ländern hätten möglicherweise eine andere Prägung und könnten einen geouteten Mitspieler nicht akzeptieren.
Littmann: Schwule Profis gibt es – aber sie verstecken sich
Damit hat Littmann seine Meinung in den letzten Jahren geändert: Im Jahr 2008 hatte er dem Hamburger Abendblatt gegenüber gemeint, er halte das erste Outing eines schwulen Profi-Fußballers für möglich: „Wenn es passiert, werden es mehrere zeitgleich tun. Mannschafts- und vielleicht auch ligenübergreifend. Vorher erwarte ich aber noch das Outing eines namhaften Exprofis. Das wäre der nächste Schritt“, sagte er damals.
Auf die Frage, ob es aktuell schwule Profis in der Bundesliga gebe, antwortete Littmann deutlich: „Es gibt sie. Und ich weiß auch, wer dazugehört. Aber ich würde niemals einen Namen nennen.“
Er zog auch einen Vergleich zu Thomas Hitzlsperger, der sich 2014 nach seiner Karriere als schwul geoutet hatte. Hitzlsperger sei „hervorragend damit umgegangen“, dennoch habe sein Outing wochenlang für Diskussionen gesorgt.
Erst zuletzt hatte Hitzlsperger in einem Interview mit dem britischen Magazin Attitude die angebliche LGBTI-Freundlichkeit von Fußballern wie David Beckham kritisiert, die ihre Unterstützung für die LGBTI-Community nur dann zeigen, wenn es ihnen nützt – und gleichzeitig von queerfeindlichen Staaten zu profitieren.

