Die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten im Mai 1933 in Berlin ist heute ein zentrales Symbol der Erinnerungskultur. Weniger bekannt ist die fast zeitgleiche Plünderung von Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft, das als eine der wichtigsten frühen Einrichtungen zur Erforschung von Sexualität und Geschlechteridentität galt. Hirschfeld, jüdischer Arzt, Sexualwissenschaftler und LGBT-Aktivist, floh ins Exil und starb 1935 in Nizza – tief erschüttert über die Vernichtung seiner Arbeit.
Hans P. Soetaert widmet sich in The Scattered Library nicht nur den letzten Jahren von Hirschfelds Leben, sondern auch den Entwicklungen nach seinem Tod. Dabei stellt er Fragen nach dem Verbleib der überlebenden Materialien und nach den Schicksalen der Menschen, die sein Werk weiterzuführen versuchten.
Die Rolle von Karl Giese und Karl Fein
Besonderes Augenmerk legt Soetaert auf Karl Giese (1898–1938) und Karl Fein (1894–1942), zwei enge Vertraute Hirschfelds. Die beiden spielten eine zentrale Rolle beim Erhalt und der Weitergabe der letzten verbliebenen Dokumente des Instituts. Doch mit der zunehmenden Verfolgung durch die Nationalsozialisten standen sie vor schwierigen Entscheidungen. Das Buch analysiert, welche Maßnahmen sie ergriffen – oder möglicherweise nicht ergriffen –, um Hirschfelds Erbe zu bewahren.
Giese, einst Hirschfelds Lebensgefährte und enger Mitarbeiter, wurde 1934 aus Frankreich ausgewiesen und lebte danach in Wien und später in Brünn. Dort nahm seine Geschichte eine tragische Wendung. Auch Karl Feins Schicksal wird in The Scattered Library erstmals ausführlich beleuchtet. Soetaert nutzt zahlreiche bislang unerschlossene Archivquellen, um deren Lebenswege nachzuzeichnen.
Die Rettung von Hirschfelds Gästebuch
Ein besonderer Abschnitt des Buches widmet sich der „wundersamen Rettung“ von Hirschfelds Gästebuch. Dieses historische Dokument, das Einträge von internationalen Wissenschaftlern, Aktivisten und Künstlern enthält, wurde 1942 in einem alten Papiercontainer in Brünn gefunden. Soetaert rekonstruiert die Umstände dieses überraschenden Fundes und zeigt auf, welche Bedeutung das Gästebuch für die Geschichtsschreibung der frühen LGBT-Bewegung hat.
Mit The Scattered Library knüpft Hans P. Soetaert an die Forschungen von Rainer Herrn an, dessen Buch Der Liebe und dem Leid: Das Institut für Sexualwissenschaft (2022) die Geschichte des Instituts bis 1933 dokumentiert. Während Herrns Werk mit der Zerschlagung des Instituts endet, setzt Soetaert hier an und verfolgt die Spuren weiter – über die Grenzen Deutschlands hinaus, bis nach Frankreich und die Tschechoslowakei.
Das Buch ist nicht nur eine historische Rekonstruktion, sondern auch eine Hommage an diejenigen, die Hirschfelds Arbeit bewahren wollten. Mit akribischer Archivarbeit und neuen Erkenntnissen liefert Soetaert eine unverzichtbare Ergänzung zur bisherigen Forschung über das Institut für Sexualwissenschaft und sein Nachleben.


