Charlotte von Mahlsdorf kam am 18. März 1928 als Lothar Berfelde in Berlin-Mahlsdorf zur Welt. Ihre Kindheit war geprägt von Gewalt und Kontrolle. Ihr Vater, ein überzeugter Nationalsozialist und NS-Funktionär, versuchte, sie zu einem „guten deutschen Jungen“ zu erziehen – mit Drill, Strenge und Schlägen.
Ein Schicksalsmoment veränderte ihr Leben
Schon früh wusste Charlotte, dass sie anders war. Sie fühlte sich als Mädchen, identifizierte sich nicht mit dem ihr zugeschriebenen Geschlecht und fand Halt bei ihrem Großonkel Josef Brauner. Der zeigte ihr alte Möbel, brachte ihr das Restaurieren bei – und legte den Grundstein für ihre lebenslange Sammelleidenschaft.
Ein Schicksalsmoment veränderte ihr Leben – und wurde zur Zäsur. Im Jahr 1944, mit 16 Jahren, erschlug Charlotte ihren Vater im Schlaf mit einem Nudelholz. Sie wurde zu vier Jahren Jugendhaft verurteilt und von den Behörden als „asozialer Jugendlicher“ eingestuft. Über die genauen Umstände sprach sie später offen – stets mit dem Hinweis, es sei Notwehr gewesen.
Nach der Haft begann sie, in den Trümmern Berlins Gegenstände aus der Gründerzeit zu retten. Sie arbeitete als Trödlerin, nannte sich „Lottchen“ und lebte offen als Frau – ein mutiger Schritt in der konservativ geprägten Nachkriegszeit.
Charlotte von Mahlsdorf machte verlassene Orte zu lebendigen Museen
Zwischen 1946 und 1948 zog sie ins leerstehende Schloss Friedrichsfelde ein, um es vor Vandalismus zu schützen. Sie nahm Flüchtlinge auf und organisierte Führungen durch ihre wachsende Sammlung.
Im Jahr 1958 übernahm sie schließlich das stark verfallene Gutshaus Mahlsdorf. In Eigenregie sanierte sie das Gebäude und eröffnete dort 1960 das Gründerzeitmuseum. Die Sammlung zeigte Möbel, Musikautomaten, Uhren und Hausrat aus der Zeit zwischen 1870 und 1900 – detailverliebt und authentisch arrangiert.
Ein besonderes Highlight: Die „Mulackritze“, eine komplett erhaltene Berliner Kneipe aus dem Scheunenviertel. Charlotte rettete sie vor dem Abriss und baute sie originalgetreu im Museumskeller wieder auf.
Charlotte bot einen Schutzraum für queeres Leben in der DDR
In der DDR war Charlotte nicht nur als Sammlerin bekannt, sondern auch als Gastgeberin. Ihr Museum bot einen sicheren Raum für queere Menschen, Künstler:innen und Intellektuelle. Inoffiziell wurde das Gutshaus zu einem Ort der Begegnung für die Schwulen- und Lesbenszene Ost-Berlins.
Doch die staatlichen Behörden misstrauten ihr. In den 1970er-Jahren drohte die Verstaatlichung des Museums. Charlotte wehrte sich, verschenkte Teile der Sammlung an Besucher:innen – ein stiller Protest. Unterstützt wurde sie unter anderem von der Schauspielerin Annekathrin Bürger. Es gibt Hinweise, dass Charlotte zeitweise als Inoffizielle Mitarbeiterin (IM) für die Stasi geführt wurde, um ihr Lebenswerk zu retten. Sie selbst äußerte sich dazu nur vage.
Nach der Wende wurde Charlotte weltberühmt – und erneut zur Zielscheibe
Im Jahr 1991 griffen Neonazis während eines Frühlingsfestes das Museum an – ein traumatisches Erlebnis. In der Folge verließ Charlotte 1997 Berlin und zog nach Schweden. In Porla Brunn versuchte sie, ein neues Museum aufzubauen, das jedoch nicht lange Bestand hatte.
Trotzdem wurde sie international gefeiert. Ihre Autobiografie „Ich bin meine eigene Frau“, 1989 veröffentlicht, erschien später in mehreren Sprachen. Rosa von Praunheim verfilmte das Buch, der US-amerikanische Dramatiker Doug Wright adaptierte es fürs Theater. Das Stück gewann 2004 den Pulitzer-Preis.
1992 erhielt Charlotte das Bundesverdienstkreuz – eine späte Anerkennung für ihr Lebenswerk.
Ihr einzigartiges Erbe lebt weiter
Am 30. April 2002 starb Charlotte von Mahlsdorf während eines Besuchs in Berlin. Ihr Museum blieb bestehen. Heute betreut der Förderverein Gutshaus Mahlsdorf e.V. die Sammlung. Ein Gedenkstein im Park erinnert an die Frau, die Räume schuf, in denen Geschichte, Identität und Freiheit Platz hatten.
„Ich habe nur versucht, das Alte zu bewahren“, sagte Charlotte einmal. Doch sie bewahrte weit mehr: einen Ort der Toleranz in schwierigen Zeiten – und ein Stück queerer Geschichte, das bis heute sichtbar ist.
