Die Dokumentation „The Celluloid Closet“ von Rob Epstein und Jeffrey Friedman basiert auf dem gleichnamigen Buch von Vito Russo. Erstmals 1995 erschienen, liegt sie nun in einer digital restaurierten Fassung vor. Die Doku zeichnet die Geschichte queerer Repräsentation in Hollywood nach und zeigt, wie Filme jahrzehntelang homosexuelle Figuren verzerrt, versteckt oder gar nicht dargestellt haben.
Epstein und Friedman arbeiten mit zahlreichen Filmausschnitten – von der Stummfilmzeit bis in die frühen 1990er-Jahre – und lassen Schauspieler:innen, Drehbuchautor:innen sowie Filmhistoriker:innen zu Wort kommen. Bekannte Persönlichkeiten wie Susan Sarandon, Lily Tomlin, Harvey Fierstein und Gore Vidal analysieren die Mechanismen hinter den Bildern und berichten von persönlichen Erfahrungen mit Rollenklischees, Codes und Zensur.
Hollywoods verdrängte Realität
Zentrale Rolle in der Dokumentation spielt der sogenannte Hays Code, der ab den 1930er-Jahren die Darstellung von Sexualität – und damit auch von Homosexualität – stark einschränkte. Viele queere Charaktere verschwanden dadurch aus den Drehbüchern oder tauchten nur noch in Form subtiler Andeutungen auf. So wurden homoerotische Beziehungen meist nur zwischen den Zeilen vermittelt, etwa durch symbolische Gesten oder übertriebene Stereotypen.
Der Film zeigt, wie sich diese Praxis auf das kollektive Bild queerer Menschen auswirkte: Wenn Homosexualität überhaupt gezeigt wurde, dann oft in Verbindung mit Gewalt, Wahnsinn oder Selbstmord. „Wenn du nie jemanden wie dich selbst auf der Leinwand siehst, oder nur als Witzfigur oder als Gefahr – was macht das mit deinem Selbstbild?“, fragt Schauspielerin Whoopi Goldberg im Interview.
Subtext statt Sichtbarkeit
Ein weiterer Fokus liegt auf sogenannten „subtextuellen“ Darstellungen. Filme wie „Ben-Hur“, „Rebecca“ oder „Der Malteser Falke“ bieten Hinweise auf queere Charaktere, lassen dies aber nie offen zu. Drehbuchautor Gore Vidal berichtet etwa, wie er gezielt homoerotische Spannung zwischen „Ben-Hur“ und „Messala“ in das Drehbuch einbaute – ohne das je explizit machen zu dürfen.
Solche Taktiken führten zu einem doppelten Lesen: Queeres Publikum lernte, zwischen den Zeilen zu lesen, während heteronormative Zuschauer*innen vieles übersahen. Der Film macht deutlich, wie diese doppelte Codierung ein Spiegel gesellschaftlicher Zwänge war – aber auch eine Form der Selbstbehauptung in einem repressiven System.
Stimmen aus der Branche
„The Celluloid Closet“ gewinnt an Tiefe durch die Vielzahl prominenter Stimmen, die sich zur Thematik äußern. Schauspieler wie Tom Hanks reflektieren ihre Rollen in späteren, offeneren Produktionen wie Philadelphia und betonen die Verantwortung von Filmschaffenden für Repräsentation.
Auch queere Filmschaffende kommen zu Wort und beschreiben, wie schwer es war, komplexe oder positive Figuren zu etablieren. Viele berichten von direkten Eingriffen durch Studios, die homosexuelle Elemente aus Drehbüchern strichen oder Darstellungen ins Lächerliche zogen.
Fortschritte mit Einschränkungen
Der Film erkennt die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte an, betont aber auch, wie begrenzt diese oft ausfielen. Produktionen wie „Philadelphia“ oder „Longtime Companion“ markieren einen Wandel, doch selbst in den 1990er-Jahren waren queere Hauptfiguren selten und meist nur in problemzentrierten Erzählungen zu sehen.
„The Celluloid Closet“ ist dadurch mehr als ein Rückblick – er ist ein Dokument über strukturelle Unsichtbarmachung und das allmähliche Sichtbarwerden queerer Lebensrealitäten. Die Doku macht deutlich, dass Filmgeschichte auch immer Gesellschaftsgeschichte ist – und dass jede Veränderung auf Widerstand trifft.


