Mit „Die Weltgeschichte der Queerness“ legt Dino Heicker ein ambitioniertes Werk vor. Ziel des Buches ist es, queeres Leben nicht nur in westlichen Gesellschaften, sondern weltweit historisch sichtbar zu machen. Heicker beginnt nicht erst im 20. Jahrhundert mit ikonischen LGBTI-Figuren, sondern geht deutlich weiter zurück – bis in die Antike und über viele Kulturräume hinweg.
Der Autor beleuchtet queere Identitäten bei den antiken Griechen ebenso wie bei den Mapuche in Südamerika oder in der chinesischen Kaiserzeit. Dabei bringt er auch wenig bekannte Episoden ans Licht, etwa einen Kaiser, der seinem Geliebten den Ärmel abschnitt, um ihn nicht aufzuwecken, oder trans Personen im Deutschland des 19. Jahrhunderts.
Queere Vielfalt historisch greifbar gemacht
Auffällig ist der erzählerische Stil, mit dem Heicker durch die Geschichte führt. Die Kapitel sind bewusst kurz gehalten, oft an konkreten Lebensgeschichten oder historischen Momenten orientiert. Das erhöht nicht nur die Lesbarkeit, sondern macht das Buch auch für Leser:innen zugänglich, die keinen akademischen Zugang zu Queer Studies haben.
Theoretische Begriffe oder komplexe Fachsprache meidet Heicker weitgehend. Stattdessen zeigt er anhand praktischer Beispiele, wie queeres Leben in verschiedenen Zeiten und Kulturen existierte – oft unter schwierigen Bedingungen, aber stets als Teil gesellschaftlicher Realität. Körper, Spiritualität, soziale Rollen – all das wird greifbar gemacht, ohne theoretische Überfrachtung.
Koloniale Kontexte bleiben unterbelichtet
Gerade die Stärke des Buches – seine erzählende und zugängliche Struktur – bringt auch eine gewisse Schwäche mit sich. Denn in der Vielfalt der Episoden bleibt gelegentlich die Tiefe der Analyse auf der Strecke. Koloniale und postkoloniale Verflechtungen werden zwar angesprochen, etwa im Zusammenhang mit der Christianisierung indigener Kulturen oder mit dem britischen Indien, doch meist nur oberflächlich.
Auch wenn das europäische Sexualitätsverständnis kritisch beleuchtet wird, bleibt es in vielen Passagen der implizite Maßstab. Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit nicht-westlichen Konzepten von Geschlecht und Sexualität – und deren Wechselwirkungen mit kolonialen Machtverhältnissen – hätte das Buch vermutlich inhaltlich gestärkt.
Historisierende Vielfalt mit kleinen Lücken
Heickers Entscheidung, auf umfangreiche theoretische Rahmungen zu verzichten, wirkt bewusst. Das Buch richtet sich klar an ein breites Publikum. Dennoch bleibt es stellenweise fast katalogartig. Manche Themenbereiche, die ein enormes Potenzial zur Vertiefung hätten, werden in wenigen Seiten abgehandelt. Kapitel von zwei bis drei Seiten Länge hinterlassen teils das Gefühl, dass hier mehr drin gewesen wäre.
Der Verzicht auf eine konzeptuelle Einbettung historischer Begriffe wie „queer“ oder „nicht-binär“ macht das Buch zwar verständlich, führt aber auch dazu, dass manche historischen Phänomene zu sehr aus der Gegenwartsperspektive gelesen werden. Der historische Kontext wird dann eher angedeutet als wirklich ausgearbeitet.
Ein Buch mit Haltung – aber ohne Pathos
Trotz dieser Schwächen gelingt Heicker etwas Wichtiges: Er macht queere Geschichte über Kultur- und Zeitgrenzen hinweg sichtbar. Leser:innen bekommen Einblicke in Lebensformen, die außerhalb europäischer und US-amerikanischer Erinnerungskultur oft übersehen werden. Dass Heicker seit Jahren in queeren Initiativen aktiv ist, merkt man dem Buch an – es ist mit spürbarem Engagement, aber nie moralisierend geschrieben.
Die Weltgeschichte der Queerness ist ein lebendig erzähltes Sachbuch mit globalem Anspruch. Es öffnet neue historische Perspektiven, bleibt dabei aber immer zugänglich. Ein Einstieg in die queere Geschichte, der mehr Vielfalt sichtbar macht – auch wenn er nicht alle Fragen bis ins Detail beantworten kann.


