Mit „Feministisch streiten 2“ legt Koschka Linkerhand eine kämpferische Fortsetzung ihres feministischen Essaybands vor. Die Autorin bringt zehn thematische Essays und 14 ergänzende Exkurse zusammen – von postkolonialer Gewalt bis zu Pandemie-Erfahrungen. Die Textsammlung ist durchzogen von einem klaren Plädoyer: Differenzen dürfen Bündnisse nicht verhindern.
Materialismus trifft Queerfeminismus
Im Zentrum steht die Auseinandersetzung zwischen materialistischem Feminismus und queerfeministischen Ansätzen. Linkerhand verteidigt eine feministische Politik, die auf materielle Bedingungen wie Klassenverhältnisse und Arbeitsausbeutung fokussiert. Besonders bei Themen wie Prostitution oder Reproduktionsarbeit sieht sie diese Perspektive als unverzichtbar.
Zugleich spricht sie sich dafür aus, dass rassifizierte und trans Perspektiven nicht außen vor bleiben dürfen. „Wer feministisch streitet, muss strukturelle Machtverhältnisse analysieren – ohne sich in identitätspolitischen Frontlinien zu verlieren“, heißt es sinngemäß in einem der Essays.
Situative Allianzen trotz Differenzen
Ein wiederkehrendes Motiv ist die Forderung nach „situationsbezogenen Allianzen“. Linkerhand ruft dazu auf, gemeinsame politische Aktionen – etwa im Kampf für Abtreibungsrechte – nicht durch theoretische Differenzen zu blockieren. Sie schreibt: „Streiten ja, aber mit Genossinnen, nicht gegen sie.“ Diese Bündnispolitik sei notwendig, um feministisches Handeln praktisch und wirksam zu gestalten.
Linkerhand fordert eine klare Abkehr von einem ausschließlich europäisch geprägten Feminismus. Sie verweist auf feministische Bewegungen in Chile oder Mexiko, deren Strategien und Erfahrungen als Impuls für die Debatten im deutschsprachigen Raum dienen könnten. Dabei stellt sie sich gegen eine akademisch-isolierte Debattenkultur und fordert mehr Praxisbezug.
Persönlich, streitbar, nahbar
Ein besonderer Stilzug des Buches ist die Verbindung von Alltag und Theorie. Linkerhand berichtet etwa von Spaziergängen in Leipziger Parks während der Pandemie und reflektiert dabei ihre Erfahrungen in der antifaschistischen Linken der 1990er-Jahre.
Die 14 Exkurse sind oft essayistische Notizen – zu digitaler Reproduktionsarbeit, Care-Arbeit oder emotionaler Erschöpfung. Diese Mischung macht das Buch nahbar. Theorie wird nicht abgehoben, sondern in konkreten Lebenssituationen verankert.
Kritische Punkte: Spannungen und Debattenlinien
Ein Diskussionspunkt ist Linkerhands Verhältnis zur Kategorie „Frau“: Sie betont die politische Rolle von lesbischen und weiblichen Identitäten, was Kritiker:innen als Rückgriff auf binäre Geschlechterverständnisse bewerten.
Auch die Frage, wie Antisemitismus im postkolonialen Diskurs behandelt wird, spielt eine Rolle. Linkerhand fordert hier eine feministische Grundhaltung, die Antisemitismus nicht ausklammert – auch im Kontext der Debatten um Israel und Palästina seit dem 7. Oktober 2023.
Theorie trifft Alltag – doch einige Spannungen bleiben umaufgelöst
Besonders überzeugend ist die Verbindung von Theorie und Praxis. Linkerhands Texte sind verständlich geschrieben, ohne an analytischer Schärfe zu verlieren. Die globale Perspektive sowie die klare Haltung zu Bündnispolitiken machen den Sammelband zu einem relevanten Beitrag innerhalb aktueller feministischer Debatten.
Manche Passagen wirken defensiv, etwa wenn es um die Inklusion trans Perspektiven geht. Auch bleibt offen, wie verbindend das Plädoyer für materialistische Theorie letztlich wirkt, wenn es sich stellenweise gegenüber queeren Positionen abgrenzt.
„Feministisch streiten 2“ versteht sich als Einladung zur politischen Auseinandersetzung – auch unter Feminist:innen. Linkerhand plädiert für Streit mit Haltung und Allianzen mit Pragmatismus. Der Band vereint Theorie, Biografie und globale Kämpfe – und bringt damit feministische Debatten auf Augenhöhe zurück in die Bewegung.


