Eine unabhängige Aufarbeitungskommission hat Fälle von sexualisierter und spiritueller Gewalt durch einen prominenten Pastor bekannt gemacht. Dieser leitete über Jahrzehnte eine geistliche Gemeinschaft in Niedersachsen. Laut dem Bericht nutzte der Geistliche seine herausgehobene Position in der Kirche systematisch aus, um sexuelle Kontakte zu jungen Männern, darunter auch Minderjährige, anzubahnen.
Strafbare Handlungen in mindesten fünf Fällen
Die Kommission, die im Oktober 2022 ihre Arbeit aufnahm, hält in mindestens fünf Fällen strafbare Handlungen für erwiesen. Zwei der Betroffenen waren zur Tatzeit minderjährig, einer sogar erst 13 Jahre alt. „Das ist als Kindesmissbrauch zu werten”, sagte der Jurist Georg Gebhardt als Vertreter der Kommission.
Auch gegenüber mindestens elf volljährigen jungen Männern soll der Pastor übergriffig geworden sein – stets im Kontext eines seelsorglichen Machtverhältnisses, in dem solche Handlungen verboten sind.
Zögerliche Reaktion der Kirche scharf kritisiert
Bereits zu Lebzeiten des Geistlichen hatten sich Betroffene an andere Pastoren gewandt – ohne dass dies Konsequenzen gehabt hätte. Nun empfiehlt die Kommission Disziplinarmaßnahmen gegen die beiden damals informierten Geistlichen.
Zudem wurde ein Disziplinarverfahren gegen eine kirchenleitende Person eingeleitet. Diese hatte laut Landeskirchenamtspräsident Jens Lehmann 2019 eine E-Mail eines Betroffenen nicht korrekt innerhalb der kirchlichen Strukturen weitergeleitet.
Kritik erntet die Leitung der Kirche auch wegen eines Nachrufs aus dem Jahr 2011. Damals wurden das Charisma und die Fähigkeit des verstorbenen Pastors, „junge Menschen zu gewinnen“, öffentlich gewürdigt, obwohl bereits erste Hinweise auf Missbrauch bekannt gewesen sein sollen.-
Spiritueller Missbrauch erstmals umfassend dokumentiert
In der Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland wird zum ersten Mal systematisch auf Missbrauch eingegangen. Der beschuldigte Geistliche hatte in den späten 1970er-Jahren eine Bruderschaft gegründet, in der er eine gottgleiche Stellung einnahm. Er nutzte diese Rolle, um emotionale Nähe aufzubauen, Vertrauen zu gewinnen und schließlich Grenzen zu überschreiten.
„Gespräch, körperliche Berührungen und Gebet gingen oft ineinander über“, erklärte Kommissionsleiterin Ulrike Wagner-Rau. Die Betroffenen seien durch ihre Abhängigkeit stark beeinträchtigt worden, was bis hin zu psychischen Erkrankungen geführt habe. In der Gemeinschaft seien Frauen systematisch abgewertet und Männer teilweise dazu gedrängt worden, ihre Partnerinnen zu verlassen.
Autoritäre Strukturen begünstigten Machtmissbrauch
Die Bruderschaft war eng mit der Landeskirche verbunden. Laut einem Bericht war sie von autoritären Strukturen, strenger Frömmigkeit und einem starken Machtgefälle geprägt. Für den Bericht wurden 35 ehemalige Mitglieder der Gemeinschaft interviewt. Viele von ihnen schilderten ähnliche Muster: Der Missbrauch begann meist mit seelsorglicher Nähe und entwickelte sich schrittweise in Richtung körperlicher Übergriffe.
Landesbischof Ralf Meister sprach von einem „strukturellen Versagen“ und bat öffentlich um Entschuldigung: „Sexualisierte Gewalt, spirituelle Gewalt, Machtmissbrauch sind Teil unserer Landeskirche in der Vergangenheit und auch in der Gegenwart.“
Weitere Untersuchungen zur Rolle kirchlicher Führung geplant
Bischof Meister kündigte eine eigene Studie an, die sich mit dem Umgang früherer Landesbischöfe seit 1945 mit sexualisierter Gewalt beschäftigen soll. Dabei soll auch seine eigene Amtsführung beleuchtet werden. Margot Käßmann, seine Vorgängerin im Bischofsamt, soll ebenfalls in die Untersuchung einbezogen werden.
Dennoch gibt es Kritik von Betroffenenvertreter:innen. Nancy Janz vom Beteiligungsforum der Evangelischen Kirche sagte: „Wer Kulturwandel predigt, muss ihn auch leben.“ Sie kritisierte das Schweigen zum Thema sexualisierte Gewalt bei Großveranstaltungen wie dem Kirchentag und forderte konkretere Konsequenzen.
Die Zahl der bekannten Betroffenen in der hannoverschen Landeskirche stieg zuletzt von 140 auf mindestens 190 an. Eine Studie nennt deutschlandweit mehr als 2.200 betroffene Kinder und Jugendliche sowie über 1.200 beschuldigte Mitarbeitende in der evangelischen Kirche und der Diakonie.

