HomePolitikEuropaBudapest Pride trotzt Verbot: Rekordbeteiligung bei Demo für Menschenrechte

Budapest Pride trotzt Verbot: Rekordbeteiligung bei Demo für Menschenrechte

Trotz polizeilichen Verbots zogen rund 200.000 Menschen durch Budapest. Die Parade wurde zum Symbol des Widerstands gegen Viktor Orbáns Politik – und zum größten Pride-Marsch in der Geschichte Ungarns.

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Unter dem Motto „Freiheit und Liebe können nicht verboten werden“ versammelten sich am Samstag in Budapest zehntausende Menschen zur 30. Ausgabe der Budapest Pride. Die Veranstalter zählten bis zu 200.000 Teilnehmende – ein neuer Rekord für das traditionell bunteste Event des Landes.

Trotz eines offiziellen Verbots durch die ungarischen Behörden, das am Vortag vom Höchstgericht aufgehoben wurde, verlief die Parade friedlich, laut, kreativ – und wurde zu einer machtvollen Botschaft gegen die LGBTI-feindliche Politik der Regierung von Viktor Orbán.

Rekordandrang trotz Gesetzeslage

Der Protestzug begann am Nachmittag am Pester Donauufer, überquerte die Elisabethbrücke und endete auf der Budaer Seite vor der Technischen Universität. 

Ein Fußweg, der normalerweise 20 Minuten dauert, zog sich über drei Stunden – wegen der Menschenmassen und der ausgelassenen Stimmung. Laut Pride-Präsidentin Viktória Radványi war es „die größte Pride, die es in Ungarn je gab“. Auch Bürgermeister Gergely Karácsony bestätigte eine Rekordbeteiligung.

„Vielen Dank, Viktor Orbán, dass du mit deinem Verbot unfreiwillig für mehr gesellschaftliche Toleranz geworben hast“, sagte der Grünen-Politiker mit sarkastischem Tonfall.

Stadtverwaltung trotzt Regierung

Das ungarische Parlament hatte im März ein Gesetz beschlossen, das öffentliche Veranstaltungen verbietet, bei denen „nicht-heterosexuelle Inhalte“ in Gegenwart von Minderjährigen sichtbar werden könnten.

Offiziell berief sich die Polizei auf diese Regelung, um die Pride zu verbieten. Doch Bürgermeister Karácsony nutzte eine gesetzliche Ausnahme: Er deklarierte die Veranstaltung kurzerhand als „städtische Feier“, die nicht unter das Versammlungsrecht fällt – ein juristischer Kniff, der die Parade ermöglichte.

„Entweder sind wir alle frei oder keiner“, erklärte Karácsony in seiner Rede. Mit Blick auf die Parlamentswahlen im Frühjahr 2026 sprach er von einem „großen Wandel“, den das Land erwarte.

Internationale Solidarität

Neben dem Bürgermeister zeigten auch zahlreiche internationale Gäste ihre Unterstützung. Rund 70 Europaabgeordnete und mehrere nationale Politiker:innen reisten an, darunter die Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler oder Jaume Collboni, Bürgermeister von Barcelona, sowie die spanische Vizepremierministerin Yolanda Díaz. „Heute ist Budapest die Hauptstadt der Demokratie, der Hoffnung, der Freiheit, der Vielfalt und des Stolzes“, sagte Díaz auf der Bühne.

Auch Österreich war mit einer Delegation von SPÖ, Grünen und NEOS vertreten. Unter anderem waren Mario Lindner (SPÖ), David Stögmüller (Grüne), Yannick Shetty und Henrike Brandstötter (beide NEOS) vor Ort, genauso wie etliche Community-Vereine, zum Beispiel die HOSI Wien, die Bären-Community oder Fetisch-Vereine wie die LMC Vienna und H.FF.K.

Symbolischer Protest mit politischen Folgen

Zahlreiche Schilder und Parolen richteten sich direkt gegen Orbán und seine Fidesz-Partei. Ein Transparent lautete: „Ich bin so müde von Faschismus.“ Viele trugen T-Shirts mit Orbáns Gesicht in Make-up. Auch persönliche Geschichten prägten das Bild: „Erste Pride – wegen Fidesz!“, stand auf einem Schild eines jungen Teilnehmers.

Der ungarische Aktivist Ádám Kanicsár betonte gegenüber dem Standard: „Früher wollten viele, dass die Pride in Budapest wie eine Party ist. Heute soll sie politisch sein.“ 

Die Einschüchterungsversuche der Regierung, darunter Kameras mit Gesichtserkennung und Androhung von Geldstrafen bis zu 500 Euro, schreckten kaum jemanden ab. NGOs boten im Vorfeld rechtliche Hilfe an, und viele Teilnehmer sagten offen: „Wir haben keine Angst vor Strafen.“

Regierung kontert mit Kritik und Warnungen

Orbán selbst hielt sich am Samstag fern vom Geschehen und nahm stattdessen an einer Abschlussfeier für Polizeischüler teil. „Ordnung muss geschaffen werden, sonst geht das zivilisierte Leben verloren“, sagte er dort. In regierungsnahen Medien wurde die Pride als „perverse Veranstaltung“ diffamiert.

Regierungssprecher Zoltán Kovács erklärte, die Veranstaltung sei auf „Befehl aus Brüssel“ erfolgt. Die EU versuche, Ungarn „woke Kultur“ aufzuzwingen. Politische Analysten sprachen hingegen von einem strategischen Fehler Orbáns: „Das Verbot hat die Gegner nur geeint.“

Polizei mit zurückhaltender Präsenz

Obwohl die Parade offiziell verboten war, griff die Polizei nicht ein. Zwar wurden Überwachungskameras entlang der Strecke installiert, und die Route musste wegen einer Gegenkundgebung der rechtsextremen Partei „Mi Hazánk“ leicht verändert werden. Doch größere Zwischenfälle blieben aus. „Wir haben nichts von Strafen gehört“, so ein Beamter vor Ort.

Das österreichische Außenministerium erinnerte in einer Stellungnahme an die Bedeutung der Versammlungsfreiheit: „Friedliche Versammlung und freie Meinungsäußerung sind zentrale europäische Werte. Regierungen müssen sie respektieren – für alle Bürgerinnen und Bürger.“

Ausblick auf juristische Auseinandersetzungen

Noch ist unklar, ob und wie die Teilnahme rechtlich verfolgt wird. Die Veranstalter könnten wegen angeblicher Verstöße gegen das Versammlungsgesetz belangt werden. Der Analyst Zoltán Kiszelly sagte der BBC: „Wenn die Gerichte zugunsten des Bürgermeisters entscheiden, muss Orbán wohl erneut das Gesetz ändern.“

Falls die Gerichte aber die Regierungslinie stützen, hätte Orbán ein wichtiges innenpolitisches Signal durchgesetzt – auch wenn die Bilder von Samstag ein anderes zeigen.

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