HomeMagazinFilmtipp„Drama Queens“: Ein queeres Pop-Märchen zwischen Glanz und Selbstverleugnung

„Drama Queens“: Ein queeres Pop-Märchen zwischen Glanz und Selbstverleugnung

In seinem grellen Langfilmdebüt erzählt Alexis Langlois von Liebe, Ruhm und Identitätskonflikten in einer gnadenlosen Popwelt – verpackt als musikalische Satire mit radikalem Stilbewusstsein.

Im Mittelpunkt von „Drama Queens“ stehen zwei junge Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und doch sofort zueinanderfinden. Die zarte Glitterpop-Prinzessin Mimi Madamour und die rebellische Punkrockerin Billie treffen sich 2005 in einer Castingshow und verlieben sich Hals über Kopf. 

Zwei Herzen im Scheinwerferlicht

Doch ihre Beziehung muss geheim bleiben. Nicht nur, weil sie vor laufenden Kameras stattfindet, sondern auch, weil die Musikindustrie mit offen queerer Liebe nichts anfangen will.

Während Billie schnell aneckt und ausscheidet, wird Mimi zur perfekten Projektionsfläche umgestaltet. Die Produzent:innen machen sie zur blonden Popikone mit globalem Hit. Doch mit dem Ruhm kommen auch Einsamkeit, Kontrolle und Verlust. Ihre Karriere wächst, aber ihre Beziehung zu Billie gerät ins Wanken – nicht zuletzt, als Billie selbst zur gefeierten Musikerin wird.

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Satire mit Schlagkraft und Soundtrack

Alexis Langlois nutzt das Musical-Format als Bühne für ein queeres, popkulturell aufgeladenes Drama. Die Songs, Kostüme und überzogenen Inszenierungen erinnern an die Pop-Ästhetik der frühen 2000er – Britney Spears, Christina Aguilera und Avril Lavigne lassen grüßen. Doch hinter dem glitzernden Überbau verbirgt sich eine schonungslose Abrechnung mit der Musikindustrie und ihrer Vermarktungslogik.

Der Film stellt zentrale Fragen: Wie viel von mir selbst muss ich aufgeben, um erfolgreich zu sein? Und was bleibt von mir übrig, wenn ich zur Marke werde? Mimi verliert zunehmend die Kontrolle über ihre Karriere und wird zum Produkt – zum Markenkörper. Billie, die sich gegen jede Vereinnahmung sträubt, gerät in Konflikt mit ihrem eigenen wachsendem Erfolg. Ihre Liebesgeschichte wird so zur Metapher für den Kampf zwischen Anpassung und Selbstbehauptung.

Grelle Farben, große Gefühle

Drama Queens ist kein leiser Film – und will es auch nicht sein. Alexis Langlois inszeniert mit maximalem Stilwillen: grelle Farben, theatralische Kamerafahrten, Musicalnummern, die sich mitten im Streit in ekstatische Choreografien verwandeln. Die Übergänge zwischen Realität, Fantasie und Medienspiegel sind fließend. Immer wieder werden popkulturelle Mythen zitiert und ironisch gebrochen – etwa wenn Mimi im Glitzerkleid auf einem überdimensionierten Einhorn durch ein digitales Nirwana reitet.

Doch trotz aller stilistischen Übertreibung bleibt die Geschichte emotional geerdet. Die Gefühle der beiden Protagonistinnen wirken echt – verletzlich, zerrissen, unaufgelöst. Ihre Konflikte sind nachvollziehbar: Billie will nicht lügen, Mimi hat Angst, alles zu verlieren. In der Öffentlichkeit dürfen sie nicht sie selbst sein – und verlieren sich dadurch auch füreinander.

Eine Liebeserklärung an queere Pop-Ikonen

Langlois gelingt ein komplexes, oft absurd komisches, aber nie zynisches Porträt einer Liebe, die gegen ein System kämpft, das queere Körper und Stimmen nur dann duldet, wenn sie profitabel und formbar sind. Zugleich feiert der Film die überlebensgroßen Diven und Boybands der 2000er – aber aus einer queeren Perspektive, die sich nicht mit bloßer Repräsentation zufriedengibt.

Die Darsteller:innen tragen den Film mit spürbarer Leidenschaft. Besonders die Hauptrollen von Mimi und Billie überzeugen mit emotionaler Tiefe und gesanglicher Präsenz. Auch die Nebenfiguren – Produzent:innen, Fans, Medienleute – sind bewusst klischiert und dienen als kritisches Spiegelbild einer Industrie, die Menschlichkeit in Markenwerte verwandelt.

Zwischen Überhöhung und bitterer Wahrheit

Mit „Drama Queens“ schafft Alexis Langlois ein Debüt, das durch seine radikale Form besticht. Es ist laut, bunt, überdreht – aber nie oberflächlich. Die Musicalstruktur erlaubt es, Emotionen ins Extreme zu treiben, ohne ihre Bedeutung zu verlieren. Es geht um Sichtbarkeit, um Wahrheit und um die Kraft der Selbstdarstellung – und um die Frage, welchen Preis queere Menschen dafür zahlen müssen.

Der Film wurde unter anderem bei den Filmfestspielen von Cannes gezeigt und sorgte dort für begeisterte Reaktionen. Langlois etabliert sich damit als Stimme eines queeren, kompromisslosen Kinos, das seine Geschichten nicht erklärt, sondern performt – mit Glitzer, mit Wut und mit Herz.

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DramaQueensPlakat
Drama Queens
Frankreich/Belgien 2024 | Musical-Drama | 115 Minuten
Regie: Alexis Langlois | Besetzung: Louiza Aura, Gio Ventura, Bilal Hassani

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