Während der Großdemonstration zum Christopher Street Day (CSD) am Samstag in Berlin wurden Mitglieder der Lesben- und Schwulenunion (LSU) körperlich und verbal attackiert. Das bestätigte der LSU-Landesvorsitzende René Powilleit am Sonntag.
Die queerpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Lisa Knack, wurde von einer Person ins Gesicht gespuckt. Ein weiteres LSU-Mitglied, ein Mann mit dem Vornamen Alex, erlitt einen Faustschlag ins Gesicht und zog sich einen großen Bluterguss zu. „Es geht ihm den Umständen entsprechend gut“, so Powilleit. Beide Betroffenen hielten sich zum Zeitpunkt der Angriffe neben dem Wagen der LSU auf.
Veranstalter verurteilen Gewalt und fordern Debatte ohne Ausgrenzung
Der Berliner CSD e.V. reagierte in einem Statement auf Instagram deutlich: „Wir wissen: Sachliche Kritik an der CDU ist vielfach berechtigt.“ Dabei verwiesen die Veranstalter auf politische Positionen der Partei, etwa zur Ablehnung des Selbstbestimmungsgesetzes. Zugleich betonten sie aber: „Die Angriffe verurteilen wir entschieden. Unsere Solidarität gilt den Betroffenen.“
Auch Berlins Queerbeauftragter Alfonso Pantisano (SPD) äußerte sich in den sozialen Medien: „Demokrat*innen reden miteinander. Sie streiten miteinander. Aber sie wenden nie Gewalt an!“
René Powilleit betonte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa): „Dass Minderheiten anfangen, sich gegenseitig anzugreifen, darf nicht sein.“ Zwar seien Flaschen- oder Dosenwürfe auf den LSU-Truck nichts Neues, doch die körperlichen Angriffe seien eine neue Eskalationsstufe. „Das war eine Dimension, die wir bisher nicht gekannt haben.“
Regierender Bürgermeister: „Wer Gewalt anwendet, tritt die Werte des CSD mit Füßen“
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) war am Samstag ebenfalls auf dem CSD unterwegs – allerdings erst nach den Angriffen auf LSU-Mitglieder. In einer Stellungnahme sagte er: „Ich verurteile die Angriffe aufs Schärfste.“ Der CSD sei ein Ort für Vielfalt, gegenseitigen Respekt und Toleranz. „Wer Hass, Hetze und Gewalt anwendet, tritt auch die Werte des CSD mit Füßen.“
Wegner hatte sich zuletzt mehrfach öffentlich zum queeren Leben in Berlin bekannt. Im Interview mit dem Tagesspiegel sagte er: „Die Regenbogenfahne gehört in die Mitte unserer Stadt, sie gehört in die Mitte unserer Gesellschaft.“
Damit stellte er sich indirekt gegen Parteikollegen wie Friedrich Merz und Julia Klöckner. Klöckner hatte als Bundestagspräsidentin entschieden, keine Regenbogenflagge auf dem Bundestag zu hissen. Merz verteidigte diese Entscheidung mit der viel kritisierten Bemerkung, das Parlament sei „kein Zirkuszelt“.
Polizei ermittelt – bislang keine Angaben zu Täter:innen
Die Polizei bestätigte, dass im Zusammenhang mit dem CSD insgesamt 84 Strafermittlungsverfahren eingeleitet wurden – darunter auch wegen Körperverletzung. Zu den konkreten Angriffen auf die LSU-Mitglieder lagen der Polizei zunächst jedoch keine näheren Angaben vor. Die Täter:innen sind bisher nicht identifiziert.
Powilleit hat den Vorfall zusätzlich beim Berliner Anti-Gewalt-Projekt MANEO gemeldet. Es habe während der Parade auch zahlreiche verbale Anfeindungen und Gesten wie ausgestreckte Mittelfinger gegen die LSU gegeben, so Powilleit. Dennoch habe man auch viele konstruktive Gespräche mit anderen CSD-Teilnehmenden führen können, so Knack: „Selbst mit Menschen, die der CDU kritisch gegenüberstehen, ist es gelungen, ein Grundverständnis füreinander aufzubauen.“
CSD will Debatte über künftige Teilhabe führen
In einem ergänzenden Statement kündigte der Vorstand des Berliner CSD e.V. an, das Demonstrationskonzept bei der kommenden Mitgliederversammlung im Herbst zu überprüfen. Man erkenne queere Strukturen innerhalb von Parteien und Unternehmen ausdrücklich an – auch wenn diese nicht immer in Einklang mit den politischen Mehrheitspositionen innerhalb der Community stünden.
„Diese Räume nicht mehr auf dem CSD zuzulassen, würde gesellschaftliche Gräben vertiefen“, so der CSD-Vorstand. Der Umgang mit parteipolitischer Beteiligung beim CSD bleibe eine Herausforderung – vor allem in aufgeheizten gesellschaftlichen Debatten.

