Zwei Männer in einem Bergwerk. Dunkelheit, Staub, die feine Glut von Hoffnung in einem Raum, in dem sonst alles erstickt. Trương Minh Quýs „Viet und Nam” beginnt unter Tage – und das nicht nur geografisch: Der Film gräbt sich tief hinein in Körper, Erinnerung und das kollektive Trauma eines Landes, das noch immer von seinen Narben zehrt.
Eine zarte visuelle Mediatation über Nähe, Verlust und Zugehörigkeit
Dabei ist dieses Werk keine gewöhnliche Romanze und schon gar kein politisches Pamphlet, sondern eine zarte visuelle Meditation über Nähe, Verlust und Zugehörigkeit. Und ja, über Liebe. Jene Liebe, die nicht sein darf, aber einfach ist.
Wir schreiben das Jahr 2001: Viet und Nam – deren Namen den Filmtitel und vielleicht auch ein geteiltes Land spiegeln – arbeiten in einer Kohlemine. Ihre Tage sind geprägt von gleichförmiger Härte, von Monotonie, vom dumpfen Rhythmus der Maschinen und ihrer eigenen Herzen.
Und doch schimmert da etwas: ein Blick, ein Hauch, eine Berührung. Quý braucht keine großen Gesten, um Intimität zu vermitteln. Er zeigt Haut, die im Kohlestaub glänzt, Atem, der sich in der Enge verfängt, und ein Begehren, das in dieser Dunkelheit leuchtet wie ein Stern.
Ein zerrissenes Paar als Beispiel für ein zerrissenes Land
Doch der Film bleibt nicht in der Tiefe. Mit Nam bricht eine Bewegung nach außen auf: Er trägt den Wunsch in sich, das Land zu verlassen und die Vergangenheit abzuschütteln. Gleichzeitig fühlt er sich dazu verpflichtet, die Bitte seiner Mutter zu erfüllen und die Gebeine seines im Krieg verschwundenen Vaters, eines Soldaten, zu finden.
Viet hingegen bleibt. Seine Liebe, sein Leben und sein Widerstand gegen das Vergessen finden hier ihren Ausdruck. Gemeinsam reisen sie durch ein Vietnam, das immer wieder zwischen Idylle und Geisterhaftigkeit schwankt – ein Land, das sich nicht neu erfinden kann, weil es seine Toten nicht loswird.
Bilder von atemberaubender Ruhe und schmerzhafter Intimität
Formal ist Viet und Nam ein Gedicht. Auf 16-mm-Film gedreht und mit fast dokumentarischer Ruhe inszeniert, erschafft Quý Bilder von atemberaubender Schönheit und schmerzhafter Intimität. Die Kamera von Son Doan folgt den Körpern wie ein verliebter Blick, verliert sich in Details: ein glitzernder Rücken, eine schlafende Hand, die Stille zwischen zwei Sätzen.
Diese Langsamkeit ist kein Selbstzweck, sondern ein künstlerisches Bekenntnis: Der Film fordert Hingabe und Geduld und belohnt mit einer Tiefe, die im schnellen Kino oft fehlt.
Der Film erzählt mit stiller Radikalität
Es ist bezeichnend, dass der Film in Vietnam verboten wurde. Offiziell wegen der Darstellung eines gespaltenen Landes, inoffiziell wohl auch wegen der queeren Thematik. Doch genau darin liegt seine Kraft: „Viet und Nam” erzählt nicht laut und agitatorisch, sondern mit einer stillen Radikalität. Hier wird nicht erklärt, hier wird gefühlt. Die Beziehung zwischen Viet und Nam ist keine Aussage, sondern eine Erfahrung – zärtlich, konfliktreich, real.
Die Laiendarsteller Lai Viêt Tụng Le und Phạm Thanh Hải tragen diese Geschichte mit einer Natürlichkeit, die unter die Haut geht. Man glaubt ihnen jedes Zögern, jede Geste, jede unausgesprochene Bitte. In einer Szene liegen sie schweigend nebeneinander im Gras und sagen dabei alles.
Trương Minh Quý hat mit „Viet und Nam” kein leicht konsumierbares Werk geschaffen. Es ist ein Kino der Andeutung, der Lücken und der Zwischenräume. Doch genau darin liegt seine Magie: Wer sich darauf einlässt, wird mit einem Film beschenkt, der lange nachhallt – wie das Echo eines Tropfens, der irgendwann den Fels durchdringt.


