HomeReligionChristentum„Angst vor der Titelseite“: Lesbische Erzbischöfin über ihr Versteckspiel

„Angst vor der Titelseite“: Lesbische Erzbischöfin über ihr Versteckspiel

Die neue Erzbischöfin von Wales, Cherry Vann, lebte ihre Beziehung zu einer Frau jahrzehntelang im Verborgenen. Aus Angst vor Repressionen in der Kirche hielt sie ihre Sexualität über 30 Jahre geheim.

Cherry Vann, die kürzlich zur ersten Erzbischöfin von Wales ernannt wurde, hat in einem Interview mit dem Guardian offen über den Druck gesprochen, ihre lesbische Identität jahrelang verbergen zu müssen. Ihre Lebensgefährtin Wendy Diamond begleitete sie zwar privat über drei Jahrzehnte hinweg, doch aus Angst vor Konsequenzen blieb die Beziehung öffentlich tabu.

„Ich hatte Angst, eines Morgens aufzuwachen und mich auf der Titelseite einer Zeitung geoutet zu sehen“, sagte die 66-Jährige. Erst vor fünf Jahren, bei ihrer Ernennung zur Bischöfin von Monmouth, sprach sie erstmals öffentlich über ihre Partnerschaft. Seitdem tritt sie gemeinsam mit Diamond auf – heute ist das für sie ganz selbstverständlich. Doch der Weg dorthin war alles andere als leicht.

Strenge Regeln für homosexuelle Geistliche

Vann wurde 1989 zur Diakonin ordiniert und gehörte 1994 zu den ersten Frauen, die in der Kirche von England zur Priesterin geweiht wurden. Damals galten für homosexuelle Geistliche strengere Maßstäbe als für heterosexuelle. Wer gleichgeschlechtlich liebte, musste Enthaltsamkeit geloben – ein Zölibat, das für heterosexuelle Verbindungen nicht gefordert wurde.

In diesem Klima der Doppelmoral entschied sich Vann, ihre Beziehung zu verbergen. „Andere Menschen in England waren mutiger als ich und haben ihre Sexualität offenbart. Viele von ihnen mussten die Konsequenzen davon tragen“, erklärte sie im Interview.

„Man kann nicht verbergen, dass man eine Frau ist“

Dass Vann überhaupt in kirchliche Führungspositionen aufstieg, verdankte sie auch ihrer Fähigkeit, sich lange anzupassen. Sie beschreibt, wie schwer es war, als Frau in einer von Männern dominierten Struktur akzeptiert zu werden. „Man kann seine Sexualität verbergen – bis zu einem gewissen Grad. Aber man kann nicht verbergen, dass man eine Frau ist“, so die Geistliche.

Besonders in ihren frühen Jahren sei sie auf Widerstand gestoßen. Viele männliche Kollegen hätten ihre Weihe abgelehnt. „Es gab viele Gemeinheiten. Die Männer waren wütend und fühlten sich verraten.“

Kirche von Wales erlaubt Partnerschaften

Im Jahr 2020 wechselte Vann zur Kirche von Wales, was auch eine Änderung der offiziellen Haltung der Institution mit sich brachte. Im Gegensatz zur englischen Kirche erlaubt die walisische anglikanische Gemeinschaft gleichgeschlechtliche Partnerschaften, ohne dass die Partner zur Enthaltsamkeit verpflichtet sind. Für Vann bedeutete das ein Stück Freiheit: Sie kann ihre Beziehung nun offen leben.

„Jetzt begleitet mich Wendy überallhin, und wenn ich Gottesdienste halte, ist das ganz normal“, sagt sie. Trotz dieser Entwicklung blickt sie auf Jahre voller Angst, Schweigen und innerer Zerrissenheit zurück und hofft, dass es andere in Zukunft leichter haben werden.

Mehr News