Am 18. August erscheint das Buch „Mensch Fußballstar“ (Meyer & Meyer Verlag) des Schweizer Journalisten Andreas Böni. Darin äußern sich prominente Stimmen wie Ottmar Hitzfeld, Marcel Reif, Gianni Infantino und Lothar Matthäus zu vermeintlichen Tabuthemen. Eines der direktesten Kapitel stammt von Marcus Urban. Der 54-Jährige war der erste Fußballprofi in Deutschland, der seine Homosexualität öffentlich machte.
„Angst schlägt noch zu oft den Mut“
Urban beschreibt, dass auch Jahre nach dem Coming-out von Thomas Hitzlsperger kein aktiver Bundesligaprofi seinem Beispiel gefolgt ist. „Man dachte beim Outing von Thomas Hitzlsperger, dass es ein Wendepunkt sein könnte. War es aber nicht so richtig“, schreibt er. „Thomas scheint mir auch überrascht, dass sich tatsächlich keiner weiter outet, auch die nach der Karriere nicht. Es gibt gar keinen Grund mehr, sich zu verstecken.“
Seiner Erfahrung nach sei es nicht die öffentliche Meinung, die Spieler zurückhalte: „Auch heute schlägt noch zu oft die Angst den Mut. Die Angst resultiert daraus, den Job zu verlieren, den Ruf zu verlieren.“ Diese Angst werde von Menschen im direkten Umfeld verstärkt: „Medienanwälte, Berater:innen, Familie – Leute, die in ihrem Geld und ihrem Ruhm baden und falsch verstandene Pseudo-Fürsorge sowie eigene Ängste projizierend auf die Spieler übertragen.“
Organisierte Gruppen – und einsame Wölfe
Urban berichtet, dass viele homosexuelle Profis längst vernetzt seien: „Viele schwule Fußballer haben sich in der Zwischenzeit im Hintergrund organisiert. In Gruppen zwischen 20 und 40 Leuten. Es ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Viele sind einsame Wölfe, machen ihr eigenes Ding und von vielen wissen wir noch gar nicht.“
Besonders brisant: „Es gibt auch schwule Paare in der Bundesliga, und zwar sehr nette, sehr hübsche. Und vielleicht kommt irgendwann der Tag, an dem sie sich outen.“ Gleichzeitig würden manche Spieler sogar in ihrem Versteckspiel bestärkt, wenn Kollegen öffentlich gegen Symbole wie die Regenbogen-Binde auftreten.
Gescheiterter „Tag des Outings“
Am 17. Mai 2024 versuchte Urban gemeinsam mit Mitstreitern, einen „Tag des Outings“ zu organisieren, an dem mehrere Profis gleichzeitig ihre Homosexualität öffentlich machen sollten. „Am Ende traute sich aber keiner“, sagt Urban. „Es gibt in ihrem Umfeld noch zu viele Menschen, die ihnen davon abgeraten haben.“
Einen deutlichen Unterschied sieht Urban zwischen Männer- und Frauenfußball: „Paradoxerweise ist lesbisch zu sein im Frauenfußball meistens kaum noch ein Problem. Viele Frauen rollen mit den Augen und langweilen sich bei dem Thema. Die gleiche Langeweile wollen wir bei den Männern erreichen. Dass jeder sagen kann: ‚Das hier ist mein Partner. Das ist unser Kind.‘“


