YouTube stellt mit dem „eingeschränkten Modus“ eine Funktion bereit, die jugendgefährdende Inhalte automatisch ausblenden soll. Doch Filter wie dieser sorgen seit Jahren für Kritik – auch in Österreich. Denn davon sind nicht nur Gewalt- oder Sexualinhalte betroffen, sondern auch viele Videos zu queeren Themen, sexualpädagogischer Aufklärung oder politischem Journalismus.
Mehr als 30 journalistische Videos betroffen
Ein Blick auf die Funktionsweise zeigt, warum das passiert. Der eingeschränkte Modus wird meist netzwerkweit aktiviert, beispielsweise in Schulen, Bibliotheken oder Jugendherbergen. Die Nutzer:innen sehen dann bestimmte Inhalte gar nicht mehr, ohne dass ein Hinweis erscheint. Auch die Kommentarfunktion ist in diesem Modus deaktiviert.
Wie das deutsche Online-Magazin netzpolitik.org im März 2024 dokumentierte, waren auf seinem YouTube-Kanal mehr als 30 Videos nicht mehr abrufbar, sobald der eingeschränkte Modus aktiviert war. Betroffen waren unter anderem Beiträge zu Desinformation, russischer Propaganda, Datenschutz und queeren Themen.
Auch große Medienhäuser sind von den Sperren betroffen
Auch auf Kanälen anderer Medienhäuser wie Spiegel oder Zeit Online sind Videos betroffen, darunter Dokumentationen über Polizeigewalt oder rechte Netzwerke. YouTube stuft solche Inhalte offenbar pauschal als „potenziell nicht jugendfrei“ ein, unabhängig von der journalistischen Einordnung.
Auch auf österreichischen Aufklärungskanälen wie „Rat auf Draht” finden sich Videos zu sensiblen Themen wie Cybermobbing, sexuelle Selbstbestimmung oder Gewaltprävention. Ob diese Inhalte vom eingeschränkten Modus betroffen sind, lässt sich nicht verlässlich nachvollziehen, da YouTube dazu keine Übersicht zur Verfügung stellt.
Auf seiner offiziellen Hilfeseite schreibt die Videoplattform, dass Inhalte zu Themen wie „sexuelle Inhalte, Drogen, Gewalt, politische Konflikte, Hassrede oder vulgäre Sprache“ im eingeschränkten Modus automatisch gefiltert werden können. Dabei verweist das Unternehmen auf eine „automatisierte Bewertung anhand von zahlreichen Anhaltspunkten“.
Aufklärungs- und Coming-out-Videos sind ebenfalls betroffen
Der Filter betrifft besonders häufig Inhalte, die sich mit Sexualität und Identität befassen. Dazu gehören beispielsweise Coming-out-Videos, Erfahrungsberichte von trans- oder nicht-binären Personen oder sexualpädagogische Formate.
Besonders ärgerlich ist, dass Nutzer:innen und Creator:innen nicht automatisch informiert werden, wenn ein Video im eingeschränkten Modus blockiert wird. Das erschwert die Nachvollziehbarkeit.
Brutale Bodycam-Aufnahmen werden nicht herausgefiltert
Auf der anderen Seite zeigt der Filter wenig Fingerspitzengefühl: So bleiben beispielsweise Clips mit expliziter Gewalt, etwa Bodycam-Aufnahmen von US-Polizist:innen, teilweise sichtbar.
YouTube räumt ein, dass der Filter nicht perfekt ist. Auf der Support-Seite heißt es wörtlich: „Leider kann es manchmal bei der Auswahl der Videos, die im eingeschränkten Modus verfügbar sind, zu Fehlern kommen.“
Schulen nutzen den Modus – oft ohne Wissen der Lehrkräfte
An österreichischen Schulen ist der eingeschränkte Modus häufig standardmäßig aktiv – entweder über zentrale Netzwerkeinstellungen oder DNS-Filter wie OpenDNS oder Google SafeSearch. Dabei wissen viele Lehrkräfte und Schul-IT-Verantwortliche gar nicht, welche Inhalte konkret blockiert werden.
In einem Positionspapier aus dem Jahr 2022 fordert die Bundesjugendvertretung (BJV), dass junge Menschen uneingeschränkten Zugang zu inklusiver und altersgerechter Aufklärung erhalten müssen. Zwar wird YouTube dort nicht explizit genannt, doch bezieht sich die Forderung klar auf digitale Plattformen und Filtermechanismen im Bildungskontext.
Kein gezielter Jugendschutz, sondern pauschale Sperren
Das zentrale Problem ist, dass der YouTube-Filter nicht feinjustierbar ist. Anstatt Inhalte differenziert zu prüfen, werden ganze Themenbereiche pauschal ausgeblendet. Betroffene Videos sind selbst über direkte Links nicht mehr zugänglich.
Zwar können Creator:innen Einspruch einlegen, sie erhalten jedoch keinen Hinweis, dass ihre Videos betroffen sind – es sei denn, sie testen den Modus selbst. Das Einspruchssystem ist intransparent. Laut Recherchen von netzpolitik.org bleibt unklar, nach welchen Kriterien Videos wieder freigeschaltet werden und welche Kriterien zu einer Sperre führen.
Seriöse Informationen zu wichtigen Themen werden blockiert
Diese Filterlogik führt dazu, dass Videos über Geschlechtsidentität, sexuelle Vielfalt oder queere Lebensrealitäten ebenso blockiert werden wie tatsächlich nicht jugendfreie Inhalte. Dabei sind es gerade Jugendliche, die zu solchen Themen seriöse Informationen suchen, da sie im Alltag oft keine offenen Ansprechpartner:innen haben.
YouTube betont, man arbeite „laufend daran, unsere automatisierten Systeme zu verbessern“. Wann und in welcher Form diese Verbesserungen spürbar werden, bleibt jedoch offen.

