Francis Bacon wurde am 28. Oktober 1909 in Dublin in eine britische Familie mit militärischem Hintergrund geboren. Sein Vater war streng und seine Mutter distanziert. Schon früh wurde klar, dass der Junge nicht in die Welt seiner Eltern passte. Er war empfindsam, asthmakrank und fühlte sich zu Männern hingezogen.
Mit 16 Jahren zog er von zu Hause aus und lebte in London, Paris und Berlin. Dort lernte er das Nachtleben der 1920er Jahre kennen: Homosexuelle Clubs, radikale Kunst und politische Spannungen. Diese Erfahrungen prägten ihn, auch wenn er erst Jahre später selbst zu malen begann.
Bacons Durchbruch: Verzerrte Körper und nackte Seelen
Bacon war Autodidakt. Er probierte viel aus und zerstörte viele seiner frühen Werke. Erst 1944 gelang ihm mit dem Triptychon „Three Studies for Figures at the Base of a Crucifixion” der Durchbruch. Die Bilder zeigen entstellte Figuren mit aufgerissenen Mündern – sie wirken verstörend, roh und revolutionär. „Das waren keine Porträts, das waren Schreie“, sagte später ein Kritiker.
Bacon malte Päpste mit aufgerissenen Mündern, Männer beim Sex und zerschundene Körper, die er oft auf nur wenige Farben reduzierte. Fleisch, Schwarz, Rot. Seine Bilder stießen auf Ablehnung und Faszination zugleich.
Leben am Limit: Alkohol, Spiel und Leidenschaft
Bacon lebte sehr exzessiv. Tagsüber malte er in seinem chaotischen Atelier in London, nachts trank er in Clubs und Spielhöllen, vor allem in der Schwulenszene von Soho. Er war bekannt für seinen schwarzen Humor, seine Arroganz und seine Großzügigkeit.
„Ich liebe das Leben zu sehr, um mich zu schonen“, sagte er einmal. Zu seinem Freundeskreis zählten Künstler, Kriminelle, Barkeeper und Geliebte. Besonders eine Beziehung prägte ihn: die zu George Dyer.
George Dyer: Liebe, Abhängigkeit, Tragödie
Dyer war ein Kleinkrimineller aus East London. Bacon lernte ihn 1963 kennen und die beiden wurden ein Paar, trotz ihrer Unterschiede. Während Bacon kultiviert und dominant war, war Dyer schüchtern und innerlich zerrissen. Ihre Beziehung war leidenschaftlich, aber auch von Alkohol und Dyers Selbstzweifeln geprägt.
Dyer nahm sich 1971, zwei Tage vor Bacons großer Retrospektive im Grand Palais in Paris, im Hotelzimmer das Leben. Bacon zog sich nicht zurück, sondern verarbeitete die Tragödie in einer Reihe von Bildern, die zu seinen stärksten Werken zählen.
Francis Bacons queere Identität in einer feindlichen Zeit
Bacon lebte offen schwul – und das zu einer Zeit, in der Homosexualität in Großbritannien noch strafbar war. Erst 1967 wurde dieses Verbot teilweise aufgehoben. Doch Bacon versteckte sich nie. Er stellte seine Partner vor und sprach in Interviews offen über seine Sexualität. „Ich war nie besonders diskret“, sagte er einmal.
Er weigerte sich, seine Kunst oder sein Leben zu erklären, obwohl beides tief vom queeren Erleben geprägt war: Gewalt, Verlangen, Einsamkeit und Sehnsucht. Seine Männerporträts sind oft anonym, roh und von körperlicher Spannung durchzogen.
Späte Jahre und bleibendes Erbe
In den 1980er Jahren wurde Bacon zum internationalen Star. Galerien rissen sich um seine Werke und Sammler zahlten Millionen dafür. Doch die Themen seiner Malerei blieben dieselben: der Körper, die Angst und das Vergehen der Zeit. Er malte bis zum Schluss, auch mit über 80 noch.
Francis Bacon starb am 28. April 1992 in Madrid an den Folgen eines Herzinfarkts. Er hinterließ ein Werk, das bis heute polarisiert und fasziniert. Seine Bilder sind fester Bestandteil großer Museen weltweit, darunter die Tate Gallery in London, das MoMA in New York und das Centre Pompidou in Paris.
Bacon als queere Ikone des 20. Jahrhunderts
Heute gilt Bacon nicht nur als einer der wichtigsten Maler der Nachkriegszeit, sondern auch als queere Schlüsselfigur der Kunstgeschichte. Er lebte offen schwul, widersetzte sich Konventionen – sowohl in seiner Malerei als auch in seinem Leben. Er zeigte das schwule Begehren in all seiner Härte, Schönheit und Verletzlichkeit, das lange verborgen geblieben war.
Nach seinem Tod wurde sein Atelier mitsamt Farbspritzern, Fotofragmenten und zerfledderten Magazinen konserviert. Es ist wie ein Archiv des Schmerzes – und der kompromisslosen Kunst eines Mannes, der nie jemand anderem gehören wollte als sich selbst.

