Ein zufälliger Abend, eine schillernde Bühne, und ein Fischer, der staunt: In „The Bearded Mermaid“ (La Sirène à Barbe) von Nicolas Bellenchombre und Arthur Delamotte entdeckt der zurückhaltende Erwan in Dieppe eine Welt, die ihn völlig überrascht. Im Drag-Cabaret „The Bearded Mermaid“ trifft er auf Performer:innen, die zwischen Schminke und Spotlights nicht nur tanzen, sondern kämpfen – mit sich selbst, mit Vorurteilen, mit ihrem Alltag.
Was auf der Bühne glitzert, ist hinter den Kulissen oft von Verletzlichkeit geprägt. Der Film zeigt mit viel Gespür, wie brüchig das Verhältnis zwischen öffentlicher Performance und privater Realität sein kann.
Starkes Licht, starke Bilder
Die visuelle Umsetzung zählt zu den am meisten gelobten Aspekten des Films. Besonders hervorzuheben sind dabei die atmosphärische Lichtführung, das Spiel mit Neonfarben und Schatten sowie die abwechslungsreiche Kameraführung. Intime Momente hinter der Bühne wechseln sich mit spektakulären Showauftritten ab – ein Kontrast, der den Film trägt.
Hier stimmt das visuelle Vokabular. Die Szenen entfalten ihre Wirkung, gerade weil sie nicht überladen wirken, sondern gezielt mit Blick und Nähe spielen.
Mensch hinter der Maske
Auch die Charakterdarstellung überzeugt: Die Drag-Künstlerinnen werden nicht als Klischees gezeichnet, sondern als facettenreiche Persönlichkeiten mit Vergangenheit, Wunden und Sehnsüchten.
Erwan dient dabei als ruhiger Beobachter – und als Projektionsfläche für das Publikum. Er eröffnet einen Zugang zur queeren Welt, ohne sich selbst zu sehr in den Vordergrund zu drängen.
Diese Mischung aus Nähe und Distanz lässt Raum für Empathie und Reflexion.
Wenn die Provinz leuchtet
Der Schauplatz ist kein Zufall: Dieppe, eine eher unscheinbare Kleinstadt an der normannischen Küste, bringt eine zusätzliche Schicht ins Spiel. Hier prallen verschiedene Lebensrealitäten aufeinander – zwischen wirtschaftlichen Sorgen, Alltagsfrust und nächtlichem Cabaret-Glanz.
Diese Entscheidung verleiht dem Film laut Kritik zusätzliche gesellschaftliche Relevanz. Es geht nicht nur um die Bühne, sondern um die Frage: Wo hat Anderssein Platz, jenseits der Metropolen?
Zwischen Glanz und Schema
Doch trotz dieser vieler Stärken folgt das Drehbuch in Teilen bekannten Mustern. Konflikte rund um Identität, Außenseitertum und künstlerischen Ausdruck werden zwar stimmig inszeniert, bieten jedoch wenig Neues.
Auch das Erzähltempo schwankt merkbar: Manchen Szenen fehlt der Übergang, gerade zwischen lauten und leisen Momenten. In der Filmmitte kommt es zu Längen, einzelne Übergänge wirken unfertig.
Humor, der manchmal klemmt
Auch über die Tonalität des Films kann man diskutieren. Zwar stechen die übermütigen Showeinlagen heraus, doch im restlichen Film ist nicht immer klar, wie ernst oder ironisch er sich selbst nimmt. Einige humorvolle Szenen zünden nicht – ein Problem, das den Rhythmus gelegentlich stört.
Außerdem bleiben manche Figuren in der Peripherie. Trotz intensiver Momente im Backstage-Bereich wird nicht jeder Charakter gleichwertig erschlossen. Einzelne Lebenswelten blitzen auf, werden aber nicht weiterverfolgt.
„The Bearded Mermaid“ zeigt großes Herz für die queere Bühne – mit viel Licht, Gefühl und musikalischem Glanz. Zugleich bleibt er ein Film mit Ecken und Kanten: dramaturgisch nicht durchgehend innovativ, stilistisch manchmal unsicher. Doch wer sich auf die Atmosphäre einlässt, wird berührt.


