Am vergangenen Wochenende schritten die queeren Pilger:innen feierlich durch die Heilige Pforte des Petersdoms – ein symbolischer Akt der Versöhnung, der bislang vor allem traditionell geprägten Gruppen vorbehalten war. Diese Tür wird nur alle 25 Jahre im Rahmen eines sogenannten Heiligen Jahres geöffnet, das 2025 wieder begangen wird.
Erstmals durch die Heilige Pforte
Die italienische LGBTI-Organisation La Tenda di Gionata hatte die Wallfahrt im Rahmen des Jubiläumsjahres organisiert. Unterstützt wurde sie von internationalen Gruppen wie Outreach, Dignity USA und dem Global Network of Rainbow Catholics.
Dass die Pilgerreise offiziell im Veranstaltungskalender des Vatikans geführt wird, werteten viele als bedeutendes Signal. Francis DeBernardo von New Ways Ministry sagte gegenüber CNN: „Vor 25 Jahren wurde WorldPride vom Vatikan noch verurteilt. Jetzt gehen LGBTQ-Katholiken durch die Heilige Pforte – das ist ein gewaltiger Wandel.“
Messe mit deutlicher Botschaft in der Jesuitenkirche
Bereits am Samstagmorgen hatten sich über 1.000 Gläubige in der barocken Chiesa del Gesù im Zentrum Roms versammelt. Dort zelebrierte der Vizepräsident der Italienischen Bischofskonferenz, Bischof Francesco Savino, die Messe – begleitet von rund 30 Priestern aus aller Welt, darunter auch der US-Jesuit Pater James Martin.
Savino betonte in seiner Predigt: „Wir sind ein pilgerndes Volk der Hoffnung. Gott liebt uns mit einer einzigartigen und bedingungslosen Liebe.“ Und weiter: „Es ist Zeit, allen ihre Würde zurückzugeben – besonders jenen, denen sie lange verwehrt wurde.“
Regenbogenfächer sorgten für Abkühlung, während emotionale Momente die Messe begleiteten. Viele Pilger:innen trugen T-Shirts mit dem Bibelzitat „In der Liebe gibt es keine Furcht“.
Papst Leo XIV. trifft Pater Martin – Zeichen der Kontinuität?
Einen Tag vor der Pilgerreise empfing Papst Leo XIV. den US-amerikanischen Jesuiten und LGBTI-Seelsorger James Martin zu einer privaten Audienz. Martin sprach anschließend von einem „ermutigenden und hoffnungsvollen Gespräch“.
„Ich habe von Papst Leo dieselbe Botschaft gehört wie von Papst Franziskus: Der Wunsch, alle Menschen willkommen zu heißen – auch LGBTQ-Menschen“, so Martin gegenüber der Nachrichtenagentur Associated Press. Die Audienz wurde weithin als Zeichen gewertet, dass Leo die Öffnung der Kirche unter Franziskus fortsetzen könnte.
Michael O’Loughlin, Sprecher der Gruppe Outreach, nannte die Pilgerreise einen „großen Moment“. Viele seien „vorsichtig optimistisch“, dass Leo den Kurs seines Vorgängers beibehalten werde.
Spannung zwischen Lehre und Praxis bleibt bestehen
Trotz der sichtbaren Signale der Öffnung bleibt die offizielle kirchliche Lehre unverändert. Der Katechismus der Katholischen Kirche beschreibt homosexuelle Handlungen weiterhin als „in sich ungeordnet“ und nicht akzeptabel. Gleichzeitig fordert er Respekt und den Verzicht auf jede Form von Diskriminierung gegenüber homosexuellen Menschen.
Papst Franziskus hatte während seines Pontifikats einige bedeutende Schritte gesetzt: Er erlaubte Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare unter bestimmten Bedingungen, sprach sich für die Taufe von Kindern gleichgeschlechtlicher Eltern aus und plädierte für die Entkriminalisierung von Homosexualität weltweit. Seine oft zitierte Aussage „Wer bin ich, zu urteilen?“ markierte 2013 einen Wendepunkt im Umgang mit queeren Katholik:innen.
Auf dem Weg zu mehr Anerkennung
Unter den Pilger:innen war auch Yveline Behets, eine 68-jährige trans Frau aus Brüssel. Sie war über 130 Kilometer auf der Via Francigena nach Rom gewandert. „Ich hoffe auf mehr Pluralität in der Kirche“, sagte sie in einem Interview. Bislang fühle sie sich von anderen Gläubigen „nicht immer anerkannt“.
Marianne Duddy-Burke von Dignity USA erinnerte sich an das Heilige Jahr 2000, als sie mit einer queeren Gruppe verhaftet worden war. Dass sie nun eingeladen sei, durch die Heilige Pforte zu schreiten, bedeute ihr sehr viel. „Ein Tag großer Freude und großer Hoffnung“, sagte sie dem US-Sender NBC.
Kirche zwischen Aufbruch und Widerstand
Auch wenn die Wallfahrt ein historisches Ereignis markiert, bleibt der Weg zu voller Anerkennung innerhalb der katholischen Kirche kontrovers. Konservative Stimmen warnen vor einem Bruch mit der Lehre, während sich progressive Katholik:innen mehr Offenheit und konkrete Reformen wünschen.
Die Organisatoren des Vatikans betonten zwar, dass die Aufnahme der Pilgerreise in den Veranstaltungskalender keine direkte Unterstützung bedeute. Doch die Zeichen mehren sich, dass ein Umdenken im Gange ist – getragen von Gläubigen, Seelsorgern und Bischöfen gleichermaßen.

