Divine wurde am 19. Oktober 1945 als Harris Glenn Milstead in Baltimore, Maryland (USA) geboren. In einem konservativen, weißen Vorort aufgewachsen, hatte er es als übergewichtiger, sensibler Junge schwer. Seine Homosexualität galt in den 1950er-Jahren als Schande – und so verbarg er sie zunächst hinter einem unauffälligen Leben.
Vom schüchternen Burschen zur schrillen Erscheinung
Erst in seiner Jugend, als er auf den exzentrischen Underground-Filmemacher John Waters traf, begann sich Glenn zu verändern – äußerlich und innerlich. Die Freundschaft der beiden wurde zur kreativen und emotionalen Lebensachse. Waters gab ihm seinen Künstlernamen, der bewusst widersprüchlich gewählt war: „Divine“, das Göttliche – in einer Erscheinung, die mit gängigen Schönheitsidealen radikal brach.
„Divine war nicht Glenn in Frauenkleidern. Divine war eine gottverdammte Schauspielerin, die alles gespielt hat, außer sich selbst“, so John Waters.
Die Geburt einer Kultfigur im Underground-Kino
In den späten 1960er-Jahren war Baltimore ein Zentrum für queeren Underground, Punk und Gegenkultur. John Waters und Divine bildeten die kreative Speerspitze dieser Szene.
Im Jahr 1972 sorgten sie mit dem Film „Pink Flamingos“ für einen Skandal – und einen Kult. Divine spielt darin eine selbsternannte „filthiest person alive“, die in einem Wohnwagen lebt, rivalisierende Perversionen bekämpft – und in der berüchtigten Schlussszene einen Hundehaufen isst.
Der Film wurde auf Mitternachtsvorstellungen gezeigt, vom Mainstream verachtet, aber von einer wachsenden Queer-Community gefeiert: Divine verkörperte den ungeschönten Widerstand gegen Heteronorm, Schönheitsterror und soziale Kontrolle. „Ich wollte die Leute schockieren, aufrütteln, zum Lachen bringen – alles auf einmal“, sagte Divine später über ihre Rolle.
Drag ohne Glamour – eine neue Ästhetik entsteht
Im Gegensatz zu vielen Drag Queens ihrer Zeit, die sich glamourösen Diven wie Judy Garland oder Barbra Streisand nacheiferten, entwarf Divine eine völlig eigene Ästhetik: grotesk, überzeichnet, laut und aggressiv.
Die Kombination aus übertriebenem Make-up, üppigen Körperformen, hysterischer Stimme und sexualisierter Gewalt war kein Zufall, sondern eine bewusste Strategie. Divine war keine Parodie auf eine Frau – sondern eine Karikatur auf Genderrollen selbst.
Make-up-Artist Van Smith erfand für Divine den Look mit rasierten Augenbrauen, hochgezogenen Lidern und knallrotem Lippenherz – ein Gesicht wie ein Cartoon, das später etwa Ursula, die Meereshexe in Disneys Arielle, inspirierte.
Musik, Clubkultur und der Sprung auf die Tanzflächen
Ab Mitte der 1980er-Jahre fand Divine auch in der Clubszene und Musikindustrie ein neues Publikum. Das Produzententrio Stock Aitken Waterman – später verantwortlich für Hits von Kylie Minogue – produzierte mehrere Singles mit ihr, darunter „You Think You’re a Man“, ein Clubhit in Europa.
Divine trat in Drag-Clubs, Discos und auf queeren Festivals auf – meist mit Playback, aber voller Energie. Ihre Bühnenshows waren wild, sexuell, komisch – und immer politisch im Subtext.
Mit ihren Auftritten bot sie queeren Menschen ein Gegenbild zur braven Anpassung: ein befreites, lautes, lustvolles Sein, das sich nicht entschuldigte: „Ich bin fett, ich bin laut, ich bin schwul – und das ist keine Entschuldigung, sondern mein Markenzeichen“, machte sie klar.
Queere Sichtbarkeit in einer feindlichen Zeit
Divine war offen schwul in einer Zeit, in der queere Menschen oft nur im Schatten existieren durften – oder als Karikaturen. Doch statt sich anzupassen, nutzte sie ihre Plattform, um das Anderssein zu feiern.
In vielen queeren Biografien wurde Divine zum Symbol der Selbstermächtigung: Als queere Menschen sich verstecken mussten, stand Divine auf der Bühne. Als andere in medizinischer Sprache pathologisiert wurden, ließ Divine ihre Kunst explodieren.
Für John Waters war Divine ein „Drag-Terrorist“ – für viele queere Zuschauer:innen war sie ein Hoffnungsschimmer.
Der frühe Tod – und ein letzter Triumph
1988, kurz nach seinem 42. Geburtstag, starb Harris Glenn Milstead in einem Hotelzimmer in Los Angeles an einem Herzinfarkt. Ironischerweise hatte er gerade ein neues Kapitel begonnen: Er sollte eine wiederkehrende Rolle in der Sitcom „Married… with Children“ (deutsch: Eine schrecklich nette Familie) übernehmen – nicht in Drag, sondern als männlicher Charakter.
Er hatte den Durchbruch in den Mainstream beinahe geschafft. Doch Divine blieb nicht nur als Entertainerin in Erinnerung – sondern als Pionierin queerer Sichtbarkeit.
Divine als Pop- und Drag-Ikone bis heute
Der Einfluss von Divine ist bis heute spürbar. Drag-Künstler:innen wie RuPaul, Peaches, Sasha Velour oder Sharon Needles beziehen sich offen auf ihr Werk.
In der Popkultur tauchen Anspielungen auf Divine in Musikvideos, Mode und Animation auf. Disneys Ursula aus Arielle basiert visuell auf ihrem Look. In queeren Ausstellungen weltweit werden Divine-Fotos, Kostüme und Filmposter als Kunstobjekte gezeigt.
2013 erschien der Dokumentarfilm „I Am Divine“ von Jeffrey Schwarz, der ihr Leben mit Archivmaterial, Interviews und viel Liebe nachzeichnete – ein wichtiger Beitrag zur queeren Erinnerungskultur.
Eine Legende der Widersprüche
Divine war nie das, was andere wollten. Sie war nicht schön im klassischen Sinn, nicht freundlich, nicht anpassbar. Und genau darin lag ihre Kraft.
In einer Welt, die queere Menschen beschämen wollte, schrie sie zurück – laut, grell, unübersehbar. Divine zeigte: Man muss nicht perfekt sein, um ein Star zu sein. Man muss nur echt sein.

