Wegen Vergewaltigung und vorsätzlicher HIV-Übertragung wurde Jonathan C. aus dem Osten Londons bereits im Sommer 2024 zu 17 Jahren Haft verurteilt. Doch das dürfte nur die Spitze eines Eisbergs gewesen sein: Nach der Auswertung seiner digitalen Geräte könnte die tatsächliche Zahl seiner Opfer deutlich höher liegen.
„Wir glauben, dass es bis zu 318 weitere Betroffene geben könnte“, erklärte nun Lewis Basford von der Metropolitan Police. Die Polizei hatte in den Geräten des 43 Jahre alten Friseurs über 400 Kontakte aus den Jahren 2019 bis 2023 gefunden – vorwiegend aus schwulen Dating-Apps wie Grindr und Scruff. Viele dieser Kontakte ließen sich bislang nicht identifizieren, da sie anonyme Profilnamen nutzten.
Der Mann täuschte die Opfer über seinen HIV-Status und hatte mit ihnen ungeschützten Sex
Das Tatmuster war immer das Gleiche: Jonathan C. traf sich teils mit vier Männern pro Tag in seiner Wohnung über einem Imbiss in Ost-London. Bei den Treffen behauptete er, HIV-negativ zu sein, obwohl er positiv war und nicht in Behandlung war. Er forderte seine Sexualpartner aktiv dazu auf, auf Kondome zu verzichten.
Die Polizei geht davon aus, dass es bei vielen dieser Treffen nicht nur zu fahrlässiger Ansteckung, sondern auch zu sexueller Gewalt kam. Auf den Geräten von C. fanden sich Nachrichten, in denen Männer ihm im Nachhinein schrieben: „Ich habe dir gesagt, dass du das nicht darfst“. Das werten die Ermittler als klare Hinweise auf nicht einvernehmliche Handlungen.
82 Betroffene bis jetzt identifiziert – weitere werden gesucht
Bisher konnten 82 der Kontaktpersonen identifiziert, medizinisch betreut und getestet werden. Doch die Polizei hofft, dass sich noch weitere Männer melden, die möglicherweise betroffen sind – sei es durch ungeschützten Kontakt oder durch erlebte Gewalt.
„Unsere Priorität liegt klar auf der Gesundheit und dem Schutz dieser Männer“, betonte Sarah Bishop von der Londoner Polizei. „Wir bieten sichere Wege zur Beratung, medizinischen Versorgung und Unterstützung.“ Die Polizei arbeitet bei der Betreuung eng mit Organisationen aus der LGBTI-Community zusammen. Ziel sei es, Betroffenen einen Zugang zur Hilfe zu ermöglichen – unabhängig davon, ob sie eine Anzeige erstatten möchten oder nicht.
Wissentliche HIV-Übertragung gilt als schwere Körperverletzung
In Großbritannien gilt die vorsätzliche oder fahrlässige Übertragung sexuell übertragbarer Krankheiten als schwere Körperverletzung. Neben der Haftstrafe muss C. auch 15 Jahre lang jede neue sexuelle Beziehung bei der Polizei melden und den Partnern seinen HIV-Status offenlegen, wenn er nicht unter Behandlung steht.

